Immer mehr Menschen… …geht es immer schlechter
Im Bild (v.l.): Roman Altstätter, Konrad Raffeiner, Karin Tschurtschenthaler, ­Dieter Pinggera, Brunhilde Lechthaler, Peter Grassl und Evi Christandl.

Massive Verunsicherung in der Bevölkerung

Publiziert in 29 / 2013 - Erschienen am 27. August 2013
Die Herausforderungen im Sozialbereich werden zunehmend größer und auch komplexer Schlanders - Die Statistiken der vergangenen 3 Jahre belegen zwar, dass die sozialen Hilfeleistungen sowie die Betreuungs- und Begleitungsangebote greifen und die Hilfen somit bei den Menschen ankommen, aber die neuen Herausforderungen, denen sich die Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft zu stellen haben, sind groß. Dies wurde am 20. August auf einer Pressekonferenz im Haus der Bezirksgemeinschaft unterstrichen. Dieter Pinggera, der im Bezirksausschuss für die Sozialdienste zuständig ist, stellte zusammen mit Generalsekretär Konrad Raffeiner, mit Karin Tschurtschenthaler, der Direktorin der Sozialdienste, sowie mit mehreren Strukturleitern die derzeitige Situation vor und blickte zugleich in die Zukunft. Trotz vorgeschriebener Einsparungen in Höhe von fast 500.000 Euro in den vergangenen zwei Jahren ist es laut Pinggera und Raffeiner gelungen, alle Dienste beizubehalten und keine längeren Wartelisten entstehen zu lassen. Geglückt ist diese „Quadratur des Kreises“ (O-Ton Raffeiner) vor allem durch die Zusammenlegung von Diensten und der Ausmerzung sogenannter versteckter Kosten. Als allgemeinen Grundsatz für die künftige Ausrichtung der Sozialarbeit nannte Pinggera das Bemühen, von stationären und teilstationären Diensten vermehrt weg- und zu mehr mobilen und auch kostengünstigeren Diensten hinzukommen. Viele tun sich schwer, ihre Familien über Wasser zu halten Wenngleich es in keinem der Sozialbereiche zahlenmäßig große Steigerungen gegeben habe, heißt das laut ­Tschurtschenthaler noch lange nicht, dass es keine sozialen Notlagen mehr gibt: „Immer mehr Menschen haben den Eindruck, dass es ihnen von Jahr zu Jahr schlechter geht. Sie spüren, dass sie trotz eines Vollzeitjobs kaum noch in der Lage sind, ihre Familien über Wasser zu halten.“ Es herrsche eine massive Verunsicherung in der Bevölkerung und das müsse zu denken geben. Die Bezirksgemeinschaft sei gewillt, auf Schwachpunkte im sozialen Netzwerk hinzuweisen. „Soziale Verantwortung geht alle an und kann nicht an einzelne delegiert werden,“ so die Direktorin der Sozialdienste. Sozialer Friede und das Gefühl von Gerechtigkeit können nur dann erhalten und gefestigt werden, wenn möglichst viele und vor allem junge Menschen wieder daran glauben, in ihrem Leben eine Chance zu bekommen. Als Schwerpunkte nannte sie das Phänomen der versteckten Armut, die im Wachsen begriffen sei, die Jugendarbeitslosigkeit sowie die Sozialarbeit für Migranten. In diesem letztgenannten Bereich stecke man noch in Kinderschuhen. Ambulant vor stationär Im Bereich der Betreuung älterer Menschen setzt die Bezirksgemeinschaft auf den Ausbau von teilstationären Einrichtungen für Seniorinnen und Senioren, sprich auf die Tagespflege. Das Tagespflegeheim Prad soll bereits im Herbst 2013 an 5 Tagen in der Woche geöffnet werden. Die Tagespflegeheime Mals und Latsch sollen ab dem nächsten Jahr eine ganzwöchige Betreuung anbieten. Der Aufbau eines Tagespflegeheims im Bürgerheim in Schlanders ist in Planung. Ambulante und teilstationäre Betreuungsangebote können dazu beitragen, stationäre Aufenthalte zu vermeiden oder zu verzögern. In den Tagespflegeheimen Prad, Mals und Latsch wurden 2012 nicht weniger als 2.136 Anwesenheiten von Senioren gezählt. Betreuung psychisch kranker Menschen Über die Betreuungsangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen informierte der Strukturleiter Roman Altstätter. In der Wohngemeinschaft Felius in Laas gibt es 6 Plätze, wobei die betreuten Menschen durchschnittlich 3 bis 4 Jahre betreut werden. Der Treffpunkt in Schlanders wird durchschnittlich von 11 Personen pro Tag besucht. „Der Auftrag der sozialpsychiatrischen Arbeit ist es, betroffene Menschen auf dem Weg in ein möglichst selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu begleiten,“ sagte Altstätter. In früheren Zeiten habe man Menschen mit psychischen Erkrankungen einfach weggesperrt. Bedenklich sei, dass neuerdings immer mehr junge Menschen psychisch erkranken. Neue Sozialgenossenschaft In der Arbeitsrehabilitation (ARD) Latsch wird ein differenziertes und individuelles Arbeitstraining für Menschen mit psychischen Erkrankungen angeboten. Die Tischlerei, die bisher in Schlanders war, wurde in Latsch neu gebaut. Die Einrichtung in Latsch bietet insgesamt 17 Trainingsplätze an, „die seit Jahren ausgelastet sind“, wie Strukturleiter Peter Grassl ausführte. In der Struktur in Latsch gibt es viele Arbeitsbereiche: biologischer Gartenbau, Tischlerei, Küche, Töpferei, Gemüse- und Kräuteranbau und Kräuterverarbeitung. Die durchschnittliche Verweildauer der betreuten Menschen liegt bei 5 Jahren. Grassl bedauerte, dass es wegen der Wirtschaftskrise auch im Vinschgau schwierig geworden ist, für eine doch erhebliche Gruppe von Menschen mit einer psychischen Erkrankung gerecht entlohnte Arbeitsplätze mit Versicherungsschutz zu finden. Eine wichtige Rolle werde hierbei in Zukunft die Vinschger ­Sozialgenossenschaft VISO spielen, die am 1. September aktiv wird. Die Aufgabe der VISO soll es sein, als Schnittstelle zwischen Arbeitsrehabilitation, Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarkt zu fungieren. Menschen mit Behinderung Die Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Prad wird zurzeit von 24 Menschen besucht. Aufgenommen werden Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren. Als oberstes Ziel nannte die Strukturleiterin Brunhilde Lechthaler die Erhaltung und Förderung der Selbstständigkeit der betreuten Menschen. Der Großteil der Betreuten lebt zu Hause. Um den Angehörigen entgegenzukommen, wird einmal monatlich eine Sonntagsbetreuung angeboten. Auch viele Betreute wünschten sich so ein Angebot. Den Vertrieb und die Vermarktung der Produkte sollen weiter verstärkt werden, ebenso die Präsenz in der Öffentlichkeit. Ein großer und wichtiger Partner der Sozialdienste ist übrigens die Lebenshilfe Vinschgau. Ambulante Wohnbegleitung Mit einem Einblick in die sozialpädagogische Grundbtreuung, die finanzielle Sozialhilfe und die Hauspflege wartete Evi Christandl auf, die Leiterin der Sozialsprengel Ober- und Mittelvinschgau. Die Zahl der Betreuten sei in den vergangenen Jahren zwar relativ konstant geblieben, „aber die Situationen haben an Komplexität zugenommen.“ Dienste wie die ambulante Wohnbegleitung oder die aufsuchende Familienarbeit werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. 2012 wurden über das Interreg-Projekt „Brücken in die Zukunft“ zwei Mitarbeiterinnen angestellt, die zurzeit rund 10 Familien begleiten. Für finanzielle Sozialhilfen wurden 2012 über 800.000 Euro ausgegeben. Die Anzahl der Essen auf Rädern belief sich 2012 in beiden Sprengeln auf 24.644, wobei 15.176 davon von Freiweilligen zugestellt wurden. Auf den Stellenwert des Volontariats wurde mehrfach verwiesen. Zusätzlich zu den knapp 100 Mitarbeitern im Sozialbereich leisten unzählige Freiwillige wertvolle Dienste. Zusammenarbeit weiter verstärken Einig sind sich alle darin, dass die Zusammenarbeit bestehender Dienste und Einrichtungen in Zukunft noch wichtiger werden wird. Auch eine flexible Netzwerkarbeit soll dazu beitragen, Sparzwänge zu überwinden. Die Freiwilligenarbeit gilt es weiter auszubauen, ebenso die ambulanten Dienste in den Bereichen Wohnen und Familienarbeit. sepp
Josef Laner
Josef Laner

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