Integration
FREIWILLIGE STARK MACHEN
Im ehemaligen Gasthaus „Lamm“ in Latsch soll eine CAS-Struktur für die Aufnahme von rund 20 Asylbewerbern entstehen.
Bei der abschließenden Diskussionsrunde (v.l.): Simonetta Terzariol (Dachverband für Soziales und Gesundheit), Daniel Brusco (Volontarius), Landesrat Philipp Achammer, Francesco Andreucci (Psychiater), Leonhard Voltmer (Caritas) und Gertrud Telser Schwabl (Integrationsreferentin in Mals).

Mehr Unterstützung gefordert

Freiwillige wünschen sich Koordination, Ausbildung und Austauch sowie offene und klare Visionen seitens der Politik.

Publiziert in 38 / 2017 - Erschienen am 31. Oktober 2017

Goldrain - Wie vielschichtig, komplex und schwierig Integra-
tion ist, zeigte sich am vergangenen Samstag bei der Tagung „Freiwillige für Integrationsarbeit stark machen“ im Bildungshaus Schloss Goldrain. Am Vormittag beleuchteten Fachreferenten verschiedene Aspekte des Themas, die dann am Nachmittag in Form von moderierten Arbeitstischen mit den Referenten vertieft wurden. „Integration kann man lernen“, gab sich die Bildungshaus-Direktorin Claudia Santer überzeugt. Beim Großteil der 35 angemeldeten Tagungsteilnehmer handelte es sich um Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit. Armin Gatterer, der Direktor des Ressorts Bildungsförderung, Deutsche Kultur und Integration, meinte, dass Integrationsarbeit am Ende nicht von den Behörden geleistet wird, sondern von den Menschen, sprich der Bevölkerung. Die Behörden geben nur den Rahmen vor.

„Allein und unter großem Druck“

Der Latscher Bürgermeister Helmut Fischer gab in seinen Grußworten zu bedenken, dass man als Bürgermeister „oft allein auf weiter Flur dasteht und großem Druck ausgesetzt ist.“ Am Stammtisch im Gasthaus wissen alle, wo die Flüchtlinge untergebracht werden sollen: „Überall, nur nicht hier bei uns.“ In diesem Sinn seien nicht nur Anforderungen an die Flüchtlinge zu stellen, „sondern auch an uns selbst.“ Fischer erinnerte an die Zeit der Schwabenkinder: „Der Vinschgau war einst das Armenhaus im Land.“ Viele wanderten aus wirtschaftlichen Gründen aus. „Nur durch Bildung und Ausbildung ist man vorangekommen.“ Fischer sieht in der Integrationsarbeit eine Herausforderung für alle. Für die Politik, die Behörden, die Bevölkerung und natürlich auch für die Asylbewerber.

Die derzeitige Situation

Mit Zahlen zur derzeitigen Situation im Vinschgau wartete der Schlanderser Bürgermeister Dieter Pinggera auf. Gemäß dem vom Land festgelegten Parameter „3,5 Asylbewerber pro 1.000 Einwohner“ sollen im Vinschgau für 126 Asylbewerber Plätze geschaffen werden. Landesweit sind es ca. 1.900 Plätze. In Mals und in Schlanders gibt es zwei sogenannte CAS-Aufnahmezentren. Im Haus Ruben in Mals sind seit rund 2 Jahren 50 Personen untergebracht, im ehemaligen Sitz des Weißen Kreuzes in Schlanders 32. Außerdem haben alle 13 Vinschger Gemeinden ihre Bereitschaft erklärt, sich am sogenannten SPRAR-System beteiligen zu wollen. Im Gegensatz zum CAS-System sieht das staatliche SPRAR-System vor, dass die Gemeinden auch kleinere Gruppen von Asylbewerbern aufnehmen können. Die Kosten werden bis zu 95% vom Staat bzw. der EU getragen. Die erste Phase für das Einreichen von SPRAR-Unterbringungs-Projekten bei der Bezirksgemeinschaft, die als koordinierende Institution fungiert, wurde Ende September abgeschlossen. Pinggera: „In den ersten Monaten des nächsten Jahres können 25 SPRAR-Aufnahmeplätze in verschiedenen Gemeinden des Vinschgaus besetzt werden.“

Aufnahmezentrum in Latsch?

Wenn es laut Pinggera gelingt, neben Mals und Schlanders auch noch in Latsch ein CAS-Auf-
nahmezentrum zu eröffnen, hätte der Vinschgau das Aufnahme-Soll nahezu erfüllt. Wie Helmut
Fischer dem der Vinschger bestätigte, sind Verhandlungen im Gang, um einen Teil des ehemaligen Gasthauses „Lamm“ als Unterkunftsstätte für ca. 20 Personen zu nutzen. Nicht verkneifen konnte sich Pinggera einen Seitenhieb gegen die Gemeinde Kaltern: „Das ist ein Trauerspiel und schlichtweg peinlich. Der Gemeindenverband soll durchgreifen.“ Mit der Koordination des SPRAR-Projekts im Vinschgau hat die Bezirksgemeinschaft Philipp Tappeiner beauftragt. Wie Tappeiner ausführte, werden derzeit italienweit ca. 31.000 Asylbewerber bzw. bereits anerkannte Flüchtlinge in über 1.100 Gemeinden betreut. Eine der Stärken des SPRAR-Programms sei es, „dass die Gemeinde als ‚Regisseur’ fungiert und nicht als Zuseher.“ Bei der Betreuung werden verschiedene Netzwerke und Ressourcen genutzt, so etwa die Sozialdienste.

6 Betreuer für den Vinschgau

Für den Vinschgau seien im Rahmen des SPRAR-Programms 6 Personen für die ambulante Betreuung und Begleitung der Asylbewerber in den Gemeinden vorgesehen. Externe Dienstleistungen, wie etwa Rechtsberatung, Sprachkurse, psychologische Betreuung und weitere Dienste kommen dazu. „Was es vor allem braucht, ist der Mut der Gemeinden“, so Tappeiner. Eine italienweite Vorreiterrolle in punkto Integration habe die 5.000-Einwohner-Gemeinde Santorso in der Provinz Vicenza übernommen, die Tappeiner besucht hat: „Dort werden 73 Personen in 16 Unterkünften von 13 Mitarbeitern betreut.“

Freiwillige sind unverzichtbar

Den Erfolg der Betreuung und Begleitung der Asylbewerber in Mals führt die für die Integration zuständige Gemeindereferentin Gertrud Telser Schwabl vor allem auf das Engagement der sehr vielen Freiweilligen zurück, „die noch immer sehr aktiv sind.“ Geführt wird die Struktur von der Caritas. Auch Telser Schwabl sieht im SPRAR-System Vorteile: „In kleinen Gruppen funktioniert vieles einfacher und besser. In großen Strukturen gehen die Bedürfnisse einzelner Personen nicht selten unter.“ Simonetta Terzariol von der Dienststelle für Freiwilligenarbeit im Dachverband für Soziales und Gesundheit sowie Daniel Brusco, der für Volontarius den Bereich Volontariat koordiniert, informierten über die Freiwilligenarbeit in Südtirol. Um diese zu stärken, brauche es u.a. Begleitung, Koordination, Schulung, Anerkennung und Spesendeckung. Laut Brusco gelte es auch, die Asylbewerber selbst miteinzubinden und deren Fähigkeiten zu fördern. Gefordert seien in diesem Sinn auch die Vereine.

Thema Traumatisierung

An ihre Grenzen stoßen Freiwillige oft, wenn sie sich um traumatisierte Asylbewerber kümmern. Wie der Psychiater Francesco Andreucci ausführte, ist es wichtig zu wissen, was eine Traumatisierung überhaupt ist, denn sonst kann es leicht zu Missverständnissen und Frustrationen kommen. Traumatisierte Menschen brauchen eine fachliche Betreuung. Über die Betreuung psychisch erkrankter Flüchtlinge in Nordtirol informierten Gabriele Mantl und Sabine Egg von „Ankyra“ in Innsbruck. Ankyra ist ein Zentrum für interkulturelle Psychotherapie, das seit 2004 kultursensible, dolmetschunter-
stützte und traumaspezifische Psychotherapie und psychologische Beratung in Tirol anbietet. „Wenn man hört, was manche Asylbewerber erlitten haben, erscheinen einem ihre Verhaltensweisen oft als normale Reaktionen auf verrückte Verhältnisse“, sagte Mantl. Sie schätzt, dass rund ein Viertel der derzeit ca. 5.000 Asylbewerber in Nordtirol traumatisiert ist.

Wünsche an Achammer und Co.

Dass es in punkto Freiwilligenarbeit noch viele Verbesserungen und Maßnahmen seitens der Politik braucht, zeigten die Ergebnisse der Arbeitstische, über die abschließend mit dem Integrationslandesrat Philipp Achammer diskutiert wurde. Die Freiwilligen wünschen sich u.a. eine Zusammenführung der betreffenden Ressorts von Achammer und der Soziallandesrätin Martha Stocker, eine landesweite Koordinierungsstelle für Freiwilligenarbeit, eine Koordinierung auf Bezirksebene, eine Plattform für den gegenseitigen Austausch sowie gezielte Aus- und Weiterbildungsangebote für Freiwillige, die sich derzeit wie „Nomaden“ fühlen.

Klare Visionen

Was sich die Freiwilligen besonders wünschen, sind klare Positionen und Visionen seitens der Politik, in erster Linie der Politiker „ganz oben“, denn sie müssten den Mut haben, voranzugehen, Flagge zu zeigen und mit Begeisterung bestimmte Ansichten zu vertreten. Speziell im Hinblick auf das Wahljahr 2018 sei zu verhindern, dass das Thema Integration „rechten Kräften“ überlassen wird. Die Politik dürfe dieses Thema nicht totschweigen, sondern die Ängste und Schwierigkeiten offen thematisieren, klare Positionen einnehmen, Visionen entwickeln und mit Begeisterung dazu stehen. Achammer räumte ein, „dass es in der Integrationspolitik mehr Klarheit braucht.“ Er versicherte, dass Integration für ihn kein Wahlkampfthema sei. Er sehe Integration als Querschnittsaufgabe: „Meine Vision ist eine Integration aus einer Hand.“ Für 2018 kündigte er eine hauptamtliche Unterstützung der Freiwilligenarbeit auf Bezirksebene an. Seine längerfristige Vision: „Ein systematisierter und finanzierter Integrationsprozess.“ Die Ängste der Bevölkerung sind laut Achammer offen anzusprechen und zu thematisieren. Nicht angebracht sei es hingegen, „mit den Ängsten zu spielen und mit ihnen Politik zu machen.“ Auch die Tagungsteilnehmer wurden von der Moderatorin Evi Keifl eingeladen, Visionen zu formulieren. Eine Vision lautete: „Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, den neuen Mitbürgern zu helfen, unser schönes Land zu lieben.“

Josef Laner
Josef Laner

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