Hopp, hopp … aui do!
Schafübertrieb in Corona-Zeiten
Sepp Götsch am Vorabend des Übertriebs mit den Alpzeugnissen unter dem Arm.
Um 4.30 Uhr brach die zweite und größte Gruppe auf.
Jetzt haben die Tiere schon fast die Waldgrenze erreicht.
Ein bisschen nachhelfen
Philipp Theiner (12 Jahre) aus Laas
Zum ersten Mal mit dabei: Franz Waldner
So gut hatten es nicht alle Lämmer.
Mit einem schnellen Satz über den Bach
„Holbmittog“ auf halbem Weg
Eine kurze Rast tut gut.
Hinauf in Richtung Niederjoch
Auf fast 3.000 Höhenmetern brauchte auch diese Lamm Hilfe.
Der Hirte Elmar Horrer hat alles im Blick.
Jetzt geht es hinunter in Richtung Niedertal-Alm
Das Niederjoch ist erreicht
Noch rasch einen Schluck Milch

Mit Geblöke auf das Joch

Übertrieb ohne Gäste und Schaulustige. Grüne Grenze war bis zum 15. Juni geschlossen.

Publiziert in 21 / 2020 - Erschienen am 18. Juni 2020

Vernagt - Die Schafe selbst haben von Corona nichts mitgekommen, als sie am 6. Juni von Vernagt aus und am 13. Juni von Kurzras aus über das Niederjoch und Hochjoch auf die Sommerweiden ins Ötztal aufgetrieben wurden. Für die Schafbauern, Hirten und Treiber hingegen waren die heurigen Schafübertriebe insofern anders, als sie unter sich waren und die Tiere ohne Gäste, Wanderer und Schaulustige auf die Almen führen konnten. Die grüne Grenze war nämlich bis zum 15. Juni gesperrt. „Aufgrund einer Abmachung der Landeshauptleute Arno Kompatscher und Günther Platter wurde uns zugestanden, die Grenze mit den Schafen passieren zu können, zumal die Hirten und Treiber ja eine Arbeit verrichten und der Grenzübertritt aus Arbeitsgründen für höchstens 72 Stunden gestattet ist. Bei Bedarf können sogar 2 Tage angehängt werden“, sagte Sepp Götsch, der Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal, am Vorabend des Übertriebs in Vernagt dem der Vinschger. Bei der Sammelstelle in Vernagt hatten sich bis zum Abend des 5. Juni ca. 1.380 Schafe versammelt.

Ca. 1.380 Schafe

Ein Teil der Tiere, rund 400, war am 4. Juni von Laas bis zur Kortscher Alm und am 5. Juni von dort bis nach Vernagt getrieben worden. Diese Schafe - und auch die Treiber - hatten somit schon vor dem großen Übertrieb etliche Kilometer mit Auf- und Abstiegen hinter sich. Schafe aus Laas, Tschengls, dem Schludernser Berg, dem Schlanderser Sonnenberg und Nördersberg, aus Schnals, Kastelbell, St. Martin in Passeier, Deutschnofen, Welschnofen, Villnöß und Vöran waren bis zum Abend des 5. Juni in Vernagt eingetroffen. Sepp Götsch wirft einen Blick auf die Herde und kontrolliert, ob die Alpzeugnisse vollständig sind: „Jetzt warten wir noch auf den Tierarzt Franz Hintner vom Tierärztlichen Dienst, der mit einem Kollegen vorbeikommt, um zu schauen, ob die Tiere alle gekennzeichnet sind, ob sie gegen Krankheiten behandelt bzw. geimpft wurden und wie es um den Gesundheitszustand der Schafe steht. Hinters Bericht wird dann dem Tierärztlichen Dienst in Nordtirol übermittelt.“ 

Gute Weidequalität

Die Qualität der Weide auf der Niedertal-Alm im Ötztal ist heuer laut dem Obmann der Agrargemeinschaft gut: „Von der Vegetation her sind wir in etwa 10 Tage früher dran.“ Es sei daher angebracht, die Schafe relativ früh auf die Weiden zu bringen, „denn Weideexperten stimmen darin überein, dass das Vieh auf das Gras warten soll und nicht das Gras auf das Vieh.“ Die Geschichte und die Zahlen rund um die Weiderechte im Ötztal hat Sepp Götsch genauestens im Kopf. Im November des Jahres 1415 hat demnach ein Richter in Meran verfügt, dass 1.654 Anteile der Weidegründe auf der Niedertal-Alm 21 Bauern aus dem Schnalstal gehören. 2.170 Hektar sind Eigentum dieser Bauern, 3.500 Hektar wurden den von Österreichischen Bundesforsten gepachtet, 360 Hektar sind je zur Hälfte Eigentum der Agrargemeinschaft Niedertal und der Agrargemeinschaft Vent und 380 Hektar wurden von den Rofenhöfen gepachtet. Ein bisschen stolz ist der Obmann auch auf die Arbeiten, die im Sommer 2019 bei der neuen Schaferhütte im Ötztal durchgeführt wurden: kleines E-Werk zur Stromversorgung, Pflanzenkläranlage, Nasszellen, ein 10 Mal 8 Meter großer Übernachtungsraum und weitere Arbeiten. Wäre nicht die Covid-19-Pandemie eingetreten, hätte bereits ab heuer auf der neuen Schaferhütte ausgeschenkt werden sollen. Nun soll der Ausschank im nächsten Jahr anlaufen.

Kurze Nacht

Die Nacht auf den 6. Juni ist für die Schafe und Menschen kurz. Bei stockdunkler Finsternis ruft der Hirte Elmar Horrer aus Laas um 3.30 Uhr zum Aufbruch der ersten von drei Schafgruppen. Die erste Gruppe setzt sich aus rund 150 Schafen zusammen. Es handelt sich um starke Widder und Schafe ohne Lämmer, die in Richtung Tiesental losziehen, begleitet und behütet von Treibern, die Stirnlampen tragen. Solche braucht es auch noch beim Start der zweiten Gruppe, die um 4.30 Uhr aufbricht und ca. 1.200 Tiere umfasst. Die dritte und letzte Gruppe, zu der vor allem Lämmer führende Muttertiere gehören, startet eine Stunde später und bildet die Nachhut. Zu sehen gibt es während der ersten Phase des Aufstiegs durch den Wald nicht viel. Nur der beleuchtete Turm des Leiterkirchleins sticht aus den Dunkelheit. Der Stausee schläft noch im Dunkeln. 

Bäää, bäää, bäää …

An „Musik“ aber fehlt es nicht. Das stete Geblöke der Schafe erfüllt den erwachenden Tag. Zwischendurch sind die Rufe des Hirten und der Treiber zu hören, das Gebell der Hunde und der Pfiff der Murmeltiere, die nicht zu verstehen scheinen, was heute im sonst so ruhigen Tiesental vor sich geht. Für Elmar Horrer, die Treiber und Mithelfer ist der Übertrieb zum Teil harte Arbeit. Wenn einzelne Tiere ausbrechen, muss man ihnen sofort nachhetzen und versuchen, sie zur Herde zurückzujagen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, speziell dann, wenn Schafe die Herde in unwegsamem Gelände verlassen. Es kommt auch vor, dass kleinere und größere Lämmer ermüden, speziell im oberen Teil des Tiesentals, und hinknien oder sich hinlegen: „Ich kann nicht mehr.“ In solchen Fällen wird dann geschoben, gestupst, gezogen und manchmal auch getragen. Mehrere Monate alte Lämmer können ganz schön schwer sein. Etwas verärgert zeigte sich Elmar Horrer, der früher Gemeindeangestellter in Laas war und seit 2018 als fixer Hirte auf der Niedertal-Alm im Einsatz ist, darüber, dass manche Schafbauern Tiere zum Übertrieb bringen, die vorher wenig Auslauf hatten und sich nur im Stall befanden. Dass es um die Kondition solcher Tiere nicht gut bestellt ist, liege auf der Hand. Und auch mit dem Scheren nehmen es nicht alle ernst genug. Manche Tiere werden sogar in voller Wolle auf die Weide geschickt.

Spur freigeschaufelt

Trotz der nicht besonders guten Wetterbedingungen - in der Nacht auf den 5. Juni hatte es in höheren Lagen etwas geschneit und einige Mithelfer waren an diesem Tag mit Schaufeln ausgerückt, um entlang der Schneefelder unterhalb des Niederjochs eine Spur vorzubereiten - ging der Auftrieb im Großen und Ganzen reibungslos vonstatten. Recht lange gedauert haben die Verschnaufpausen am Niederjoch (3.019 m), nicht. Zum einen war die Similaunhütte noch gesperrt und zum anderen „luden“ Wind und Wetter zum baldigen Weiterziehen in Richtung Martin-Busch-Hütte und Schäferhütte ein. Dort warteten Sepp Götsch und seine Frau Astrid, die am Morgen mit dem Auto über den Reschenpass ins Ötztal gefahren waren, mit einem warmen Essen auf die hungrigen Frauen und Männer, die beim Übertrieb geholfen haben. Stark ins Zeug gelegt hat sich beim heurigen Auftrieb als jüngster Treiber Philipp Theiner (12 Jahre) aus Laas. Er besitzt zusammen mit seinem Vater Wolfgang 30 Schafe. Für Philipp war es bereits der 2. Auftrieb. Zu den ältesten Mithelfern gehörte Franz Waldner (63), Fraktionsvorsteher von St. Valentin auf der Haide. Er wollte schon seit langem bei einem Auftrieb dabei sein: „Heuer hat es endlich geklappt. Ich bin beindruckt.“ Ganz ohne ist der Aufstieg übrigens nicht. Der Stausee in Vernagt liegt auf 1.689 m Höhe, das Niederjoch um 1.330 Meter höher. Der Übertrieb in Kurzras lief in etwa nach demselben Muster mit rund ebenso vielen Tieren ab. Auch in Kurzras hatten sich Schafe aus mehreren Orten des Vinschgaus und anderen Landesteilen eingefunden. Sie waren zum Teil ebenfalls in zwei Etappen zur Kortscher Alm und nach Kurzras getrieben worden. Von Kurzras aus ging es zunächst auf das Hochjoch und von dort weiter zur Rofenbergalm. Detail am Rande: Obwohl es Hochjoch heißt, liegt dieses mit 2.856 Metern etwas tiefer als das Niederjoch. 

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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