Gustav Tappeiner Umfahrung ist eines der großen Ziele

Mit Kompetenz und Erfahrung

Publiziert in 31 / 2010 - Erschienen am 8. September 2010
Kastelbell-Tschars - Bei den Gemeinderatswahlen am 16. Mai hat Gustav Tappeiner mit dem Bürgermeisteramt in Kastelbell-Tschars die höchste Sprosse ­seiner „gemeindepolitischen“ Karriereleiter erklommen. Seit 1990 ist er in der Gemeindepolitik aktiv. Zuerst als einfaches Ratsmitglied, ab 1993 als Referent und Vizebürgmeister (letzteres bis 2005). Die ersten politischen Erfahrungen sammelte er als SVP-Ortsjugendreferent. Mit der Befragung von Gustav Tappeiner schließt „Der Vinschger“ die Interviewreihe mit den neu gewählten Vinschger Bürgermeistern ab. von Oskar Telfser „Der Vinschger“: Herr Tappeiner, Sie sind nun 100 Tage im Amt. Wie schnell ist diese Zeit vergangen, wie fühlt sich das Bürgermeisteramt Anfang September 2010 an? Gustav Tappeiner: Die ersten 100 Tage sind sehr schnell vergangen, trotzdem konnte ich mich näher mit den vielen Aufgaben eines Bürgermeisters vertraut machen. Ich fühle mich bei dieser Auf­gabe sehr wohl und bin überzeugt, für unsere Bürgerinnen und Bürger gute Arbeit ­leisten zu können. Warum wollten Sie Bürgermeister werden? Gustav Tappeiner: Weil ich davon überzeugt bin, dass ich durch meine Erfahrung und durch meine Kenntnisse gemeinsam mit dem Gemeinderat in der Gemeinde Kastelbell-Tschars wichtige Entscheidungen treffen und notwendige Projekte für die Zukunft unserer Gemeinde verwirk­lichen kann. Welche Erfahrungen haben Sie bisher als Bürgermeister gemacht? Gustav Tappeiner: Ich muss sagen, ich habe eigentlich sehr positive Erfahrungen gemacht. Ich bin überrascht und erfreut, wie viele Bürgerinnen und Bürger in dieser kurzen Zeit den direkten Kontakt mit mir gesucht, mich in meinen Zielsetzungen bestärkt und mir ihre Unterstützung zu­gesichert haben. Sie sind Geschäftsführer im familieneigenen Betrieb. Wo haben Sie konkret an den Stellschrauben gedreht, um sich und das Bürgermeisteramt in Einklang zu bringen? Gustav Tappeiner: Da ist voraus zu schicken, dass ich mir bereits vor der Kandidatur für das Bürgermeisteramt ent­sprechende Gedanken gemacht habe, wie ich im Falle einer Wahl beides unter einem Hut bringen kann. Ich habe vorab schon verschiedene Weichenstellungen und betriebsinterne Umstrukturierungen geplant. Nachdem sich der Betrieb auf Gemeindegebiet befindet, ist ohnehin schon eine bestimmte Flexibilität gegeben. Es war von vorn herein klar, dass für die Gemeinde eine bestimmte Zeit aufzuwenden ist, um den Anforderungen für das Amt gerecht zu werden und die Ziele zu erreichen. Wie sind Sie nach Wahlen und den nachfolgenden Turbulenzen in der „politischen“ Gemeinde angekommen? Gustav Tappeiner: Es ist leider so, dass man bei der Bildung eines Gemeindeausschusses nicht alle Interessenten berück­sichtigen kann und es dadurch zu persönlichen Enttäuschungen kommt. Dafür habe ich auch Verständnis. Im Gesamten geht es aber um die Interessen der Gemeinde und nicht um persönliche Interessen. Es hat sich einiges beruhigt, die Mehrheit der Gemeinde hat die Entscheidungen positiv aufgenommen. Ich bin überzeugt, mit den Entscheidungen zur Zufriedenheit für alle Bürgerinnen und Bürger arbeiten zu können. War der Start für Sie schwierig, sind doch drei Ausschussmitglieder sowie sechs Gemeinderäte neu im politischen Team mit dabei? Gustav Tappeiner: Der Start war nicht schwierig, die drei neuen Ausschussmitglieder setzen sich tatkräftig ein, ihre zugeteilten Aufgaben führen sie sorgfältig aus. Wir haben im Gemeindeausschuss ein sehr gutes Verhältnis. Auch die jungen, neu gewählten Gemeinderäte bringen sich positiv in das Gemeindegeschehen ein. Wie ist Ihr Verhältnis zu Johannes Kofler, dem Mitbewerber um das Bürgermeisteramt? Gustav Tappeiner: Das Verhältnis zu Johannes Kofler ist offen, ich bin von seinem jugendlichen Elan und Einsatz überrascht und überzeugt, dass er die ihm zugeteilten Aufgabenbereiche bestmöglich verwalten und ausführen wird. Eitelkeit von meiner Seite ist hier nicht angebracht, es gilt die Kompetenzen für unsere Gemeinde bestmöglich einzusetzen. Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger? Gustav Tappeiner: Die Gemeindepolitik oder generell die Politik ist zusehends komplexer und komplizierter geworden. Auf der einen Seite bestehen Forderungen für eindeutige Entscheidungen, auf der anderen Seite sind auch die Einbeziehung der Bevölkerung und Gruppierungen in die Entscheidungsprozesse erwünscht. Ich werde vor allem versuchen, vermehrt für den Bürger da zu sein, unter anderem auch durch ein gesteigertes Angebot an Sprechstunden. Bürgernähe und eine transparente Politik haben für mich einen hohen Stellenwert. Ich stehe diesbezüglich auch an Samstagen für die berufstätigen Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung. Haben Sie das Gefühl, dass durch den Wechsel so etwas wie ein Ruck durch die Gemeinde beziehungsweise die Verwaltung gegangen ist? Hat sich durch die Wahl etwas grundlegend geändert? Gustav Tappeiner: Der Gemeinderat, der Gemeindeausschuss und ich selber sind mit einem neuen Programm gestartet, das wir nun nach und nach umsetzen wollen. Die Akzente wurden in einigen Bereichen bereits bemerkbar, richtig zur Geltung kommen werden sie jedoch erst nach und nach. Den Verwaltungsapparat wollen wir durch einen zusätzlichen Verwaltungsassis­tenten optimieren, darüber hinaus gilt es die Dienstleistungsbereiche auszubauen, gebührende Aufmerksamkeit widmen wir auch dem Ehrenamt. Sie haben ein wichtiges Amt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten angenommen. Wo sehen Sie für Kastelbell-Tschars in dieser Situation noch eigene Gestaltungsmöglichkeiten? Gustav Tappeiner: Die Zukunft wird sich aufgrund der gegebenen Probleme nicht weiß Gott wie verbessern. Im Gegenteil, die Wirtschaftskrise wird sich durch verminderte Einnahmen etc. noch nachhaltig bemerkbar machen. Dementsprechend müssen auch die laufenden Ausgaben und vor allem die Investitionen den Gegebenheiten angepasst und nachhaltige Entscheidungen getroffen werden. Wofür würden Sie am ehesten viel Geld ­locker machen? Was möchten Sie am liebsten in der Gemeinde verändern? Gustav Tappeiner: Eine der wichtigsten Zielsetzungen des Fünfjahresprogramms 2010-2015 ist ohne Zweifel der Bau die Umfahrungsstraße. Hinzu kommt noch die innergemeindliche Mobilität mit der Reduzierung der Lärmbelästigung in Tschars oder auch die Errichtung von (noch fehlenden) Gehwegen entlang der Staatsstraße. Die Landesregierung hat für die Umfahrung einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, derzeit werden die eingereichten Vorschläge ausgewertet. Ich bin zuversichtlich, dass im Frühjahr 2011 die Erstellung des Einreicheprojektes ausgeschrieben werden kann. Die Umfahrung hängt mit der Finanzierung zusammen, hierfür müssen wir die Landesregierung von der Notwendigkeit überzeugen. Wo sehen Sie denn Stärken dieser Gemeinde? Wo liegen die Schwächen? Gustav Tappeiner: Kastelbell-Tschars ist eine gut aufgestellte Gemeinde. Die Stärken liegen im Bereich der Landwirtschaft, speziell beim Obst- und Weinbau. Sehr großes Potential sehe ich im Tourismus, wo noch eine Weiterentwicklung möglich ist. Hier sind die Landschaft, die Kulturgüter und die Gastbetriebe unser größtes Kapital. Schwächen haben wir in der stagnierenden Bevölkerungsentwicklung, das erfordert Anstrengungen im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere bei den Arbeitsplätzen und Schaffung von Wohnraum. Im Vergleich zu anderen Gemeinden steht Kastelbell-Tschars bei der Verschuldung gut da, die Pro-Kopfverschuldung betrug am 31.12.2009 830 Euro; nun behaupten Kritiker, die Gemeinde habe sich bei In­vestitionen zuviel zurückgehalten, was sagen Sie dazu? Gustav Tappeiner: Grundsätzlich steht die Gemeinde gut da, die Grundbedürfnisse und die notwendigen Dienste wurden abgedeckt bzw. sind gewährleistet, die Entwicklung der Vereine und Organisationen wurde entsprechend gefördert, wir haben ein funktionierendes Gemeindeleben. In einigen Bereichen werden wir in Zukunft sicher noch mehr investieren müssen. Andersrum kann man aber auch sagen, dass die Gemeindeverwalter in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben. Es ist ihnen immer wieder gelungen, für die vielen, auch umfangreichen Investitionen die notwendigen Fördermittel aufzutreiben und somit höhere Verschuldungen zu vermeiden. Es ist auch meine Aufgabe, die Entwicklung so zu gestalten, dass unsere nachfolgenden Generationen noch Entwicklungsmöglichkeiten haben. Ein Dauerbrenner der letzten Jahre war die Ausweisung und Realisierung von Wohnbauzonen in Tschars, da gab’s eigentlich mehr Rück- als Fortschritte. Gustav Tappeiner: Die Verwirklichung der Wohnbauerweiterungszonen in Tschars hat für uns oberste Priorität. Die Gemeinde ist deshalb bemüht, mit den Grundeigentümern, den Interessierten und Anrainern der Wohnbauzonen einen einvernehmlichen Konsens zu finden, damit die Widerstände bereinigt werden und die Verwirklichung der Zone baldmöglichst vorankommt. Aber nicht nur in Tschars, sondern auch in den Ortsteilen Kastelbell und Galsaun bedarf es neuer Wohnbauerweiterungszonen. Die Bereiche Wohnen und Arbeiten sind eng miteinander verbunden, wie präsentiert sich heute der Arbeitsmarkt in Kastelbell-Tschars? Gustav Tappeiner: Kastelbell-Tschars ist in punkto Wohnqualität sicher eine interessante Gemeinde. Die Gemeindeverwaltung kann selber keine Arbeitsplätze, wohl aber die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Ansiedlung von Betrieben schaffen. Vor kurzem wurden in der Handwerkerzone Galsaun zwei Bauparzellen an Firmen zugewiesen. Diese Maßnahme schafft neue Arbeitsplätze. Ein Diskussionspunkt war mal das Gebäude der ehemaligen Möbelfarm, wo ein Lebensmitteldiscounter geplant war, ist das noch aktuell? Gustav Tappeiner: Der Eigentümer trägt sich nach wie vor mit der Absicht, einen Lebensmitteldiscounter zu eröffnen. Die von ihm eingebrachten Vorschläge konnte die Gemeinde nicht berücksichtigen. Es besteht aber auch keine rechtliche Möglichkeit, einen Discounter zu verhindern, sofern sich der Betreiber an die rechtlichen Bestimmungen hält. Im Frühjahr gab es zwischen den Tourismusvereinen Kastelbell-Tschars und ­Naturns so genannte Fusionsgespräche, ist eine Fusion nach wie vor aktuell? Gustav Tappeiner: Aufgrund der schwachen Auslastung braucht der Tourismusverein Kastelbell-Tschars starke Partner. Nach den ersten Fusionsgesprächen wurde ja eine generelle Tourismusdiskussion im Vinschgau initiiert, was für die Entwicklung des Tourismus im Vinschgau sicher sehr positiv ist. Eine eigene Arbeitsgruppe wird nun Vorschläge für den Tourismus im Vinschgau ausarbeiten. Sobald die Ergebnisse vorliegen, werden die Verantwortungsträger des TV Kastelbell-Tschars über die weitere Marschroute entscheiden. Ich stelle gerne meine Erfahrung im Bereich Tourismus in den Dienst des TV und der Betriebe, die Entscheidung treffen aber die Betroffenen. Schloss Kastelbell: Am 9. November 2009 hat die Südtiroler Landesregierung beschlossen, das Schloss der Gemeinde unentgeltlich zur Verwaltung zu überlassen. Was hat sich seither verändert, wird die bísherige Zweckbestimmung beibehalten? Gustav Tappeiner: Mittels Vereinbarung wurde das Schloss der Gemeinde Kastelbell-Tschars für neun Jahre zur unentgeltlichen Verwaltung und Nutzung überlassen. Die Zweckbestimmung bleibt dem kulturellen Bereich bzw. für soziale Zwecke vorbehalten. Die Gemeinde beabsichtigt, die Führung wiederum dem Kuratorium zu übertragen. Sie sind Obmann des Kuratoriums Schloss Kastelbell, wollen sie diese Funktion weiter ausüben? Die gleiche Frage stellt sich wegen Ihrer Funktion als SVP-Ortsobmann von Kastelbell. Gustav Tappeiner: Ich habe bereits vor dem 16. Mai angekündigt, im Falle einer Wahl zum Bürgermeister diese beiden Funktionen zurückzulegen. Beim Kuratorium finden im Frühjahr 2011 die Neuwahlen der Verwaltungsorgane statt. Ich werde mich nicht mehr der Wahl stellen. Bei der SVP-Ortsgruppe Kastelbell werde ich Ende 2010 meinen Rücktritt einreichen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft für ihre Gemeinde? Gustav Tappeiner: Ich bin überzeugt, dass sich die Gemeinde positiv weiterentwickeln wird. Ich wünsche mir bei der Durchführung der vielen Programme die Unterstützung und mehr Toleranz der Bevölkerung. Weiters hoffe ich, dass es uns gelingt, die Lebensqualität und ­Lebensbedingungen innerhalb der Gemeinde­ durch die Umfahrung zu verbessern.
Oskar Telfser
Oskar Telfser
Vinschger Sonderausgabe

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