Einkaufen im Vinschgau: Einmal mangelhaft, zweimal durchschnittlich, einmal gut
Die Vorstellungstour im Vinschgau begann in Naturns (von links): Kaufleuteobmann des Bezirks Rainer Schölzhorn, Bürgermeister Andreas Heidegger, Ressortdirektor Ulrich Stofner und Referent Stefan Lettner.

Nicht nur der Handel muss handeln

Publiziert in 14 / 2008 - Erschienen am 16. April 2008
Naturns/Latsch/Schlanders/Mals - Der Herr Landesrat für Handel, Werner Frick, wollte Klarheit schaffen und vor ­seinem Ausscheiden aus der Politik unumstößliche Tatsachen hinterlassen. Fern jeder Emotion sollte Südtirols Handel im Allgemeinen und der Detailhandel – im deutschsprachigen Ausland der Einzelhandel – an 24 Hauptorten im Einzelnen durchleuchtet werden. Jedes Gemauschel über Kaufkraftabflüsse und Strukturmängel sollte ein Ende haben. Das in Europa Markt führende Marktforschungsinstitut „Cima Österreich GmbH“ wurde beauftragt, Zahlen und Tatsachen auf den Tisch zu bringen, um dem Gejammer, aber auch den Forderungen der Konsumenten, der Wirtschaftsverbände und Kettenbetriebe Konkretes entgegen zu halten. Diese Position seines „Chefs“ hatte Ressort-Direktor Ulrich Stofner vier Mal in vier Rathäusern des Tales klarzulegen. Die Studie „Einkaufen in Südtirol. Angebotsstruktur, Kaufkraftströme, Konsumverhalten und Aufenthaltsqualität ausgewählter Orte im Vergleich“ wurde in Naturns am Mittwoch, 9. und in Latsch, Mals und Schlanders am Donnerstag, 10. April vorgestellt. „Der Vinschger“ war bei allen Vorstellungen dabei und hat Stimmungen und Reaktionen eingefangen. von Günther Schöpf Naturns: Bemühungen erkennbar Für Magister Stefan Lettner von „Cima“ war die Vorstellung im Naturnser Dachboden-Ratssaal erst der zweite Auftritt seines Vorstellungsmarathons in 24 Südtiroler Gemeinden. So ging sich auch der kleine Einstiegswitz aus. Er habe ganz schön gestaunt, als er auf so vielen Italien-Landkarten so oft den Namen seines Instituts „Cima“ lesen konnte. Neben dem Bezirksobmann der Kaufleute, Rainer Schölzhorn, waren Bürgermeister Andreas Heidegger, sieben Kaufleute und die Referentin für Soziales zur Vorstellung um 17.00 Uhr gekommen. Nicht präsent waren Vertreter anderer Wirtschaftsverbände, Gemeinderäte oder Vorsitzende von Umwelt- oder Heimatpflegeverbänden. Referent Lettner benotete Naturns in den drei untersuchten Bereichen Gesamteindruck, Branchen- und Betriebsmix und Ortsinfrastrukturen mit einem „Befriedigend“. Als positiv führte er an das landschaftliche Ambiente mit luxuriösen Hotels, die Bemühungen um Straßen- und Platzgestaltung, die Parkplatzgebühren, die Beschilderung, das Angebot an Lebensmitteln im Zentrum, die nette Ladengestaltung. Negativ aufgefallen sind meist unspektakuläre Fassaden, enge Gehsteige und viel Verkehr in Aufenthalts- und Bummelbereichen, vier leer stehende Geschäfte und das Fehlen mehrer Branchen im Hauptort. Bürgermeister Heidegger hob das Positivste an der Studie hervor: Naturns liegt in der „Gesamt-Zufriedenheit mit dem Heimatort“ an erster Stelle der 24 untersuchten Gemeinden. Latsch: Ortszentrum stärken Ein anderes Bild als in Naturns bot sich um 14.00 Uhr des folgenden Tages im Ratsaal von Latsch. Der Referent für Tourismus und Wirtschaft, Hermann Raffeiner Kerschbaumer, und der Ortsobmann der Kaufleute, Horst Egger, hatten dafür gesorgt, dass neben Vizebürgermeister Christian Stricker die Referentin für Schule (auch Touristikerin), der Referent für Soziales, der Referent für Kultur (auch Kaufmann), eine Gemeinderätin, der Tourismuspräsident, der HGV-Ortsobmann, der Obmann des Heimatpflegevereins (auch Kaufmann), Hoteliers, Interessierte und auch eine Vertreterin aus den Fraktionen gekommen waren. Seinem vielfältigen Angebot (Branchenmix) hat es Latsch zu verdanken, dass beim „City-Check“ noch ein „Befriedigend“ heraus kam. Beobachter Lettner fand das Dorf ebenfalls eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, aber den Dorfkern ohne Flair, den Hauptplatz gekünstelt, die Gehsteige zu eng und die Geschäftsstraßen voller renovierungsbedürftiger Gebäude. Drei leer stehende Flächen im Einkaufszentrum Herilu und fünf im Ortskern gäben Anlass zur Sorge. Einzig die erst nach vielen Polemiken durchgedrückte Kinderspielecke am Hauptplatz erwirkte eine durch und durch positive Bewertung. Trotz der Strukturmängel, trotz Durchzugsverkehr und Unfreundlichkeit wird Latsch noch vor Mals (Rang 14) und weit vor Schlanders (Platz 21) von der einheimischen Bevölkerung angenommen (auf Platz 9 von 24). Kaufleute-Obmann Egger glaubte, die in der Studie monierte Unfreundlichkeit auf die ortsfremden Kettenbetriebe im Dorf zurückführen zu können. Mals: mangelhaft, aber stark In Mals bot sich bei der Vorstellung um 17.00 Uhr ein ähnliches Bild wie in Naturns. Neben Bürgermeister Josef Noggler und Kaufleute-Ortsobman Kurt Raffeiner waren weitere sechs Kaufleute erschienen. Die Obervinschgauer erlebten ein Wechselbad der Darstellungen. Einerseits lagen sie überraschenderweise im Kaufkraftvolumen und in der Eigenbindung vor Naturns und Latsch und nur knapp hinter Schlanders, haben trotz der Nähe zu Nauders, Samnaun, Landeck, Imst und Innsbruck einen vergleichsweise geringen Kaufkraftabfluss, aber das vernichtende Urteil über die Obervinschger „Hauptstadt“ Mals und die Gesamtbenotung vier, also nicht einmal mittelmäßig, wurmten nicht nur Bürgermeister und Kaufleute, sondern verwunderte auch Verbandsdirektor Dieter Steger. Außer der umgebenden Landschaft, dem Lebensmittelangebot und der Gestaltung vor der Sparkasse konnten die „Cima“-Prüfer nichts Positives finden. Sie stellten Abwertungserscheinungen bei Häusern und Fassaden fest. Der Sortimentsbereich sei im mittel- und langfristigen Bedarf überhaupt nicht abgedeckt. Es wurden fünf leer stehende Geschäftslokale gezählt und einige Ladenkonzepte als veraltet eingestuft. Möblierungs- und Grünelemente fehlten; die Beleuchtung und Wegweisung wurden als mangelhaft bezeichnet und ein Gesamtkonzept der Dorfgestaltung fehle. Irgendwie perplex und aufgebracht versuchten die Malser Kaufleute ihre Geschäfte und ihren Ort zu verteidigen. Bürgermeister Noggler machte bezogen auf das Angebot aufmerksam, dass im Gegensatz zu den Hauptorten der anderen Vinschger Gemeinden Mals mit 1.800 Einwohnern eher klein sei. Magister Lettner versuchte die Malser zu trösten: „Wenn andere Gemeindezentren diese Geschlossenheit im Ortskern hätten, würden sie sich die Finger abschlecken.“ Aufgefallen ist dem „Vinschger“, dass das Einkaufen der Touristen und der „benachbarten Ausländer“ in den Malser Statistiken nicht zu Buch schlägt. Schlanders: im Konzert der Großen In Schlanders ließ sich der Bürgermeister von seinem Wirtschaftsreferenten Kurt Leggeri vertreten. Unter den Zuhörern zu sehen waren neben Ortsobfrau Angelika Meister auch Ortsmarketing-Leiterin Lorenza Avena, 13 Kaufleute, der Obmann des Tourismusvereins und Gastronom und zwei Freiberufler, dazu Kaufleute-Bezirksleiter Walter Holzeisen, der an allen drei Veranstaltungen im Bezirk teilgenommen hat, und Bezirksobmann Kurt Ziernhöld. Es wird allen Anwesenden wohl gut getan haben, als Stefan Lettner verkündete: „Schlanders spielt im Konzert der Großen mit.“ Dabei bezog er sich auf die Eigenbindung der Kaufkraft und entsprechend wenig Kaufkraft-Abfluss, auf die Kaufkraft-Zuflüsse aus umgebenden Gemeinden, ausgedrückt als Einzelhandelszentralität, auf die Aufenthaltsdauer der Konsumenten aus dem Einzugsgebiet und auf die Größe des Einzugsgebietes. In der Beurteilung des „Ambiente“ konnte die Bezirkshauptstadt vor allem durch die Fußgängerzone punkten. Bemängelt wurden dabei nur die unspektakulären Fassaden und der fehlende historisches Altstadtflair. Der Branchenmix brachte zwar nur die Note „Befriedigend“, dafür wirkten das „geschmackvolle Gesamtkonzept“ und die Besucherwegweisung wieder ausgleichend. Der Vinschger „Klassenprimus“ kam in der Gesamtwertung auf ein „Gut“. Referent Leggeri sah die bisherige Marketingarbeit durch die Ergebnisse der Studie bestätigt und hoffte, dass den Wirtschaftern dadurch auch die Bedeutung des Zusammenhaltens klar werde. Bezirksobmann Ziernhöld zeigte sich erstaunt über die Zufriedenheit betreffend Öffnungszeiten und erinnerte an die Bebauungspläne, die Kaufleute in ihren Investitionen eher verunsicherten. Resümees und Interpretationen In Latsch und Mals hatte Verbandsdirektor Dieter Steger jeweils ein Resümee gezogen. Den Latschern empfahl er eindringlich zu handeln und den Ortskern zu stärken. In Mals sah er wie auch Referent Lettner ein hohes Potential. Unter anderem betonte er, dass Einzelhändler in einer Ortschaft ein natürlich gewachsenes Einkaufszentrum bilden, das mit einem Einkaufszentrum auf der grünen Wiese nur durch Fachberatung, Service, Qualität und Freundlichkeit konkurrieren kann. Aufgefallen war, dass alle untersuchten Ortschaften in „wunderschöne Naturlandschaft“ eingebettet beschrieben, aber auch sehr klar enge Gehsteige und die Konzeptlosigkeit der Dorfgestaltung kritisierte wurden. Heimatpfleger und Ensembleschützer hätten sich wohl durch den Hinweis auf fehlende historische Bausubstanz bestätigt gefühlt. Referent Lettner warnte (auf gut Österreichisch) sehr „dezidiert“ davor, alle Geschäftsstraßen austauschbar zu machen. Die Studie könnte ein wirkungsvolles Handlungsinstrument werden. Sie hat ihre Stärke darin, dass Summen auf den Tisch gelegt und schonungslos Schwachpunkte der Ortsbilder aufgezeigt wurden und dass viele konkreten „Handlungsansätze“ enthalten sind, sie muss aber mehr sein als die triumphierende Bestätigung einer Verbandsarbeit und sie darf nicht dazu führen, dass sich der Verband der Kaufleute und seine Mitglieder überschätzen. Wenn im Hinblick auf die Studie in der „Verbandszeitung der Kaufleute und Dienstleister“ Nr. 4/2008, S. 7, zu lesen ist: „Und vergessen wir nicht die Bedeutung für den Tourismus. Jährlich kommen Tausende von in- und ausländischen Gästen gerade wegen des bestehenden Einkaufsangebotes nach Südtirol…“, dann kommen Zweifel. Wenn ein Tourist im Dorf­zentrum eine Sehenswürdigkeit besucht, kann ein Einkaufsbummel auf jeden Fall motivieren, nochmals zu kommen. Es kann aber sein, dass jemand wegen St. Prokulus nach Naturns, wegen des Menhirs nach Latsch oder wegen Marienberg nach Mals fährt. Am ehesten fahren unsere Gäste aber immer noch oder immer mehr wegen der Landschaft in den Vinschgau. Die Malser haben zwar mäßige Noten bekommen, sie können aber fröhlich bleiben, haben sie doch die zweithöchste Kaufkraft und nicht nur den Fröhlichsturm.
Günther Schöpf
Günther Schöpf

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.