„Sicher keine zufriedenstellenden Erlöse“

Publiziert in 27 / 2015 - Erschienen am 22. Juli 2015
Auch die Vinschger Obstwirtschaft hat zurzeit einen schweren Stand. „Wir müssen zufrieden sein, wenn wir die Produktionskosten auszahlen können.“ Vinschgau - Auch die Obstwirtschaft im Vinschgau ist derzeit mit erheblichen Problemen konfrontiert. Die Palette reicht von krisengeschüttelten Lieferländern und dem Russland-Importverbot bis hin zur europaweiten Überproduktion und Handelsketten, die das große Sagen haben. „Sicher als nicht zufriedenstellend sind die Auszahlungspreise für die Ernte 2014 zu bezeichnen”, sagt Sepp Wielander, der Direktor des Verbandes der Vinschgauer Produzenten für Obst und Gemüse (VI.P) im Interview mit dem der Vinschger. der Vinschger: Aus Statistiken und Berichten zur Wirtschaftslage in Südtirol war in den vergangenen Wochen und Monaten mehrmals die Rede davon, dass es vor allem die Obstwirtschaft sei, die unter Absatzproblemen und niedrigen Preisen zu leiden habe. Wie ernst ist die Lage landesweit und speziell im Vinschgau? Sepp Wielander: Die Lage ist sicherlich ernst. Nicht aber wegen der Haltbarkeit oder der allgemeinen Güte unserer Äpfel, sondern bedingt durch die vielen krisengeschüttelten Staaten quer durch unsere Lieferländer und nicht zuletzt durch das Russland-Importverbot von Lebensmittel aus EU-Ländern. Das führt immer wieder zu neuen, nicht immer kalkulierbaren Warenflüssen, und zwar ganz unabhängig von der europaweiten Überproduktion, die heuer erstmals die 1,2-Millionen-Waggon-Grenze erreichte. Das sind ca. 12 Millionen Tonnen. Wir werden zwar immer irgendwo einen Platz in den Regalen zu finden wissen, egal in welchem Land, jedoch werden wir heuer bestimmt mit einem nicht zufriedenstellenden Erlös konfrontiert bleiben. Wie viele Äpfel lagern derzeit noch in den Zellen der Genossenschaften, die zur VI.P gehören? Wir sind mit unserem Abbauplan auf Kurs. Mit dem heutigen Tag (15. Juli, Anmerkung der Redaktion) lagern noch runde 15% an Golden Delicious bester Qualität in unseren Zellen. Das entspricht unter normalen Bedingungen genau unserer strategischen Menge für diese Zeit. Wie stark wirken sich das russische Einfuhrverbot sowie die Konflikte im nordafrikanischen Raum auf den Absatz der Vinschger Äpfel aus? Leider recht ordentlich, wie schon eingangs erwähnt. Die Karten wurden, wie man so schön sagt, neu gemischt und unser gesamter Vermarktungstrupp hat alle Hände voll zu tun, immer wieder einen normalen, sauberen Fleck auf der Landkarte zu finden, also Länder, die auch in die Lage sind, gute Ware zu kaufen und zu bezahlen. Zum russischen Embargo muss man eines immer wieder betonen: Ausschlaggebend ist weniger die fehlende Menge unsererseits, die nach Russland geladen werden konnte, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Nachbarstaaten Russlands, allen voran Polen, die Ware in alle Himmelsrichtungen verschicken und uns das Leben erschweren. Mit welchen Auszahlungspreisen können die Obstbauern für die Ernte 2014 im Vergleich zu jener von 2103 rechnen? Wie Sie wissen, rede ich nicht gerne über Preise, denn etwas muss selbst in unserer schnellen Medienzeit noch diskret bleiben. Eines aber kann ich sicher verlauten lassen, nämlich dass wir zufrieden sein müssen, wenn wir in der Lage sind, heuer unseren Bauern die Produktionskosten, die ja auch Jahr für Jahr steigen, auszuzahlen. In Gesprächen mit Obstbauern ist nicht selten zu hören, dass ein schwieriges Jahr zwar zu verkraften sei, aber wenn weitere solche Jahre folgen, könnte es für einige eng werden, besonders für jene, die nur über kleinere Flächen verfügen. Ja, das ist Mathematik. Um auf Dauer fortschrittlichen Obstbau betreiben zu können, so wie in der Vergangenheit, muss man Gewinne erzielen, genau so wie das jeder andere Wirtschaftszweig muss, um am Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Welt nicht immer von Embargos, Revolutionen und Staaten geprägt sein wird, die kurz vor dem Konkurs stehen, und dass eine Hitzewelle mit bis zu 40 Grad noch dazu kommt. Vielleicht werden wir schon im kommenden Jahr wieder ein zumindest kalkulierbares Umfeld vorfinden. Ich persönlich würde das ablaufende Geschäftsjahr als ein Ausnahmejahr in allen Beziehungen sehen. Dass wir europaweit eine Überproduktion an Äpfeln haben, ist eine Tatsache. Vor allem Polen, aber nicht nur, überschwemmt die Märkte Jahr für Jahr mit größeren Mengen. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für den Vinschger Obstbau? Also das ist für uns sicher nicht gefährlicher als für alle anderen Regionen, die Obstbau betreiben. Sofern Frieden herrscht und die Menschen eine Arbeit haben, müssen sie sich auch ernähren. Wir wissen genau, dass gerade Obst und Gemüse ganz oben auf der Speiseliste stehen. Somit ist die Frage meines Erachtens weniger jene, ob die Entwicklung für den Vinschgau gefährlich ist, sondern ob die Menschheit wieder allseits in der Lage sein wird mit zuentscheiden, was auf den jeweiligen Esstisch kommt. Nicht unbedingt als positiv sind zum Teil auch die Veränderungen im Konsumverhalten zu bewerten. In Deutschland zum Beispiel werden weniger Äpfel gegessen als früher. Warum? Sehen Sie, Deutschland ist ein gut ausgerichteter Staat und es wird insgesamt bei Gott nicht weniger Obst gegessen, nur können die Bundesbürger aus einer Vielzahl von Produkten auswählen und entscheiden, was sie heute mit nach Hause nehmen oder nicht. Auch bei den Äpfeln können sie je nach Jahreszeit die Herkunft und die Sorte in ihre Überlegungen mit einfließen lassen. Das ist ein Phänomen, das außerhalb des gesamten westlichen Europas sehr schwer anzutreffen ist. Der Golden Delicious ist zwar immer noch das „Flaggschiff“ der Vinschger Apfelwirtschaft, hat aber an Bedeutung eingebüßt. Im Einzugsebiet der VI.P bemüht man sich seit Jahren um mehr rote Sorten. Gehen diese Bemühungen weiter? Man kann mit Recht behaupten, dass jeder Vinschgauer Produzent bemüht ist, rote, also am Markt bevorzugte Sorten anzupflanzen. Jedoch stehen noch nicht für jede Lage und für jeden Bodenbeschaffenheit die entsprechenden Alternativen vollständig zur Verfügung. Wir werden bemüht sein, gerade durch unser Sorten-Erneuerungskonsortium Sorten auch für höhere Lagen ausfindig und salonfähig zu machen. Das ist aber ein langwieriger Prozess. Sicher hat jeder Produzent längst verstanden, dass die Zukunft, sofern Alternativen vorhanden sind, nicht mit Golden Delicious, wie gut dieser bei uns auch gedeiht, zu bestreiten ist, sondern mit moderneren Sorten, die beim Verzehr ein echtes Erlebnis darstellen und somit den Markt beherrschen werden. Einen Teil unserer Vinschgauer Golden wird der Markt aufgrund seiner Einmaligkeit auch künftig vertragen, aber sicher nicht mehr als die Hälfte unserer heutigen Ernte. Welchen Stellenwert nehmen die Clubsorten ein? Die Clubsorten marschieren mit großen Schritten voran. Auch wir sowie unsere Mitglieder haben die Clubsorten Kanzi, Ambrosia und Envy in unserer Empfehlung voll und gerne aufgenommen. Schlussendlich zählt das, was nach dem Abzug aller Kosten übrig bleibt und was unsere Konsumenten befriedigt und weniger die Frage, wer alles Nutznießer einer guten Clubsorte ist. Wie stark hängt der Absatz von den großen Handelsketten ab? Die Handelsketten haben bereits seit Jahren in allen Bereichen das Sagen, egal bei welchen Gütern. Aufgrund der möglichen absetzbaren Tagesmenge, der Kontinuität derselben und vor allem des mittlerweile stark angestiegenen diversen Angebotes bei durchschnittlichen Preisen sind die Supermarktketten für uns und für den Konsumenten ein Glück und sicher keine Belastung. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass man in eine gewisse Abhängigkeit als Lieferant gerät. Aber man kann die Medaille auch umdrehen und versuchen, mit Qualität und Verlässlichkeit eine Abhängigkeit uns gegenüber zu erwirken, damit wir auf derselben Augenhöhe zu stehen kommen. Die neuen Regeln zum Pflanzenschutz bringen für die Bauern auch Mehrkosten mit sich, vor allem bei der Sprühtechnik. Der VI.P-Obmann Thomas Oberhofer aus Latsch sagte kürzlich auf einer Bürgerversammlung, dass in der Gemeinde Latsch bereist 80% der Sprüher auf dem neuesten Stand sind. Wie sieht es diesbezüglich im restlichen Einzugsgebiet der VI.P aus? Sehen Sie, mit wenigen Ausnahmen war und ist sich jeder Produzent bewusst, dass er nicht irgendetwas produziert, sondern Lebensmittel für viele Länder dieser Erde. Was die Technik und Forschung bietet, hat gerade der Obstbauer immer stets wahr genommen und stand den neuen Entwicklungen immer aufgeschlossen gegenüber. So wurde auch bei den Sprühgeräten durch neue Injektordüsen eine neue Ära eingeläutet. Nicht nur Latsch rüstete in kürzester Zeit auf die neue abdriftmindernde Methode um, sondern der gesamte Vinschgau zu nahezu 80%. Das erfüllt jeden Einzelnen mit Stolz und auch mit Selbstbewusstsein. Und das alles gegen die ewigen Lästerer, die aus Missgunst oder Populismus dem Bauernstand ganz einfach moralischen Schaden zufügen und ihn teilweise entmutigen wollen. An den Bäumen wächst zurzeit die Ernte 2015 heran. Mit welcher Qualität und welcher Menge ist zum jetzigen Zeitpunkt zu rechnen? Es ist zu früh, mit Fakten aufzuwarten, jedoch bin ich persönlich der Meinung, dass wir sicher eine normale Ertragslage bei - bis jetzt zumindest - guter Qualität zu verzeichnen haben werden.   Interview: Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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