Für Kaufleute wird´s eng - Rubel rollt nach Österreich

„Sie kommen in Scharen“

Publiziert in 19 / 2004 - Erschienen am 7. Oktober 2004
[K] Immer mehr Südtiroler Familien müssen akribisch rechnen, um mit dem monatlichen Einkommen über die Runden zu kommen. Der ökonomische Zwang treibt sie in die Einkaufszentren der nördlichen Nachbarn. Vor allem die Billiganbieter locken. In Südtirol finden diese aufgrund der restriktiven Handelspolitik nur selten entsprechende Flächen. Verkaufshallen auf der grünen Wiese gibt es nicht. Und daran soll sich auch in nächster Zukunft nichts ändern. Der neue Einkaufstrend setzt dem Einzelhandel zu. Geschäfte mussten bereits schließen. Auf der Suche nach einem neuen Handelskonzept tritt man in Südtirol noch auf der Stelle. von Magdalena Dietl Sapelza [/K] Einmal im Monat fahren sie zum Einkaufen nach Landeck. Mit Kind und Kegel. Die Familie W. mit zwei kleinen Kindern, der Vater ist Alleinverdiener, verfügt im Monat über 1100 Euro. Die Fixkosten, wie Zinsen für das Wohnungsdarlehen, Strom, Telefon, Auto lassen wenig Spielraum. "Wir müssen beim Einkaufen sparen, sonst reicht es nicht“, sagt Frau W. „Die Preise sind gestiegen, die Löhne nicht. Und der Euro hat alles teurer gemacht“. [F] Euro reicht nicht mehr [/F] Billig getankt wird in Samnaun. Zweimal im Jahr deckt sich die Familie in größerem Stil mit Bekleidung ein und fährt nach Imst oder Innsbruck. Einkaufsfahrten zu den Zentren auf der grünen Wiese mit Billiganbietern gehören für viele Familien längst zur Regel. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. „Seit der Euro-Einführung hat die Kaufkraft gelitten“, sagt Walter Andreaus von der Verbraucherzentrale. „Tarife und Preise sind gestiegen, jeder Verbraucher hat es am eigenen Leib gespürt.“ Mit den Einkaufsfahrten nach Österreich versucht man dem „Teuro“ zu entkommen. Und die kleinen Geschäfte im Tal bluten. Sie können aufgrund ihrer Struktur und Größe in Sachen Preispolitik nicht mit den großen Konzernen konkurrieren. Die ersten sind bereits auf der Strecke geblieben, Geschäfte mit Kinderbekleidung etwa. [F] Dem „Teuro“ entkommen [/F] Als besorgniserregend für die Handelsstruktur des Tales empfindet Robert Weirather vom Kleinen Warenhaus in Mals diese Entwicklung. "Das Ganze könnte eine Kettenreaktion auslösen: Geschäfte schließen, Arbeitsplätze gehen verloren, die gesamte Wirtschaft hat das Nachsehen." 15 bis 20.000 Menschen gehen täglich im Einkaufszentrum Dez in Innsbruck ein und aus. In der Weihnachtszeit sind es 30.000. Der Anteil der Südtiroler betrage 10 Prozent. Das schätzt Marketingleiterin Claudia Angerer. Tendenz steigend. Die großen Handelsketten mit ihren günstigen Preisen seien die Zugpferde, so zum Beispiel IKEA, H&M, Interspar, Deichmann, C&A. Früher, in Lire-Zeiten, sei der Einkaufstrend teilweise in die umgekehrte Richtung gelaufen. Die Euro-Einführung habe die Sache umgedreht. „In Italien ist der Euro zu großzügig umgerechnet worden“, so Angerers Einschätzung. [F] Inntal rüstet auf [/F] Im Inntal wird dem Einkaufstrend der Südtiroler Rechnung getragen und kräftig aufgerüstet. Immer neue Einkaufszentren locken. Die Tiroler Handelsordnung macht es möglich. In Imst gibt es seit kurzem einen neuen Fachmarkthandel, in Wörgl das Erlebniseinkaufzentrum „M 4“. "Die Südtiroler kommen in Scharen", so die einhellige Feststellung. Auch werbemäßig hilft man nach und lässt regelmäßig Flugblätter in die Vinschger Postkästen stecken, mit verlockenden Angeboten. Die Größe der Konzerne macht eine Niedrigpreispolitik möglich, mit denen herkömmliche Geschäfte nicht mithalten können. Die Kaufleute hierzulande werden seitens der Konsumenten nicht selten mit der Rolle der Sündenböcke bedacht, die die Euro-Umstellung ausgenutzt hätten, um sich zu bereichern. „Mit der Preispolitik der großen Konzerne können wir nicht mithalten“, betont Peter Gritsch vom Kaufhaus Gritsch in Naturns, „und wenn wir uns entfalten wollen, hemmen uns zudem viele Barrieren und gesetzliche Auflagen seitens der Gemeinden und des Landes, zum Beispiel bei den urbanistischen Bestimmungen. Während die Hotels problemlos erweitert werden können, bindet man uns oft die Hände." [F] Wenig Spielraum [/F] Die Kleinen haben wenig Spielraum. Sie sind selbst am Ende einer langen Kette mit Produzenten, Zwischenhändlern und Verteilern. Die Rahmenbedingungen für Handelstätigkeit beschreiben die hiesigen Kaufleute als schlecht. Drückend seien zum Beispiel die höheren Lohn- und Lohnnebenkosten, die hohen Preise für Heizöl, Strom und Mieten. Viele kleine Anbieter im Vinschgau bewegen sich derzeit an der Grenze der Rentabilität, vor allem dort, wo der Hauptkunde der Einheimische ist. Touristenorte stehen besser da. Wo sich Campinggäste aufhalten, geht es dem Lebensmittelhandel relativ gut. Walter Meister vom Despar Meister in Schlanders arbeitet vorwiegend mit Einheimischen. Er merkt in seinem Geschäft, dass die Leute überlegter kaufen als früher, oft nur das Notwendigste. [F] Kein Kraut gewachsen [/F] Die Vorstellung, dass in Österreich alles viel billiger ist, verankert sich mehr und mehr in den Köpfen, wenn das auch nicht in jedem Fall zutrifft. Und es scheint so, als sei gegen dieses Denken kein Kraut gewachsen. Das Ganze müsse relativiert werden, so Meister. „Die hiesigen Kaufleute unternehmen schon längst Anstrengungen, ihre Preise zu senken.“ Man könne auch in Schlanders günstig kaufen wenn man die Augen aufmache. Einkaufszentren der Größenordnung wie in Österreich im freien Gelände sollen in Südtirol auch künftig verhindert werden. Diesbezügliche Vorstöße wurden in Vergangenheit erfolgreich abgewehrt. Beispiel Mebo-Center. Man hält am Prinzip der Belebung der Strukturen in den Ortskernen und ortsnahen Zonen fest. Diesem Argument folgt auch Andreaus von der Verbraucherzentrale. Das "Einkaufen auf der grünen Wiese ist für uns kein Thema", betont Walter Holzeisen vom Verband für Kaufleute und Dienstleister im Vinschgau. "Wenn das erlaubt wird, sind die Dörfer leer. Die Nahversorgung darf nicht gefährdet werden". Als Negativbeispiele werden die sterbenden Ortskerne in Österreich aufgeführt. Man müsse auch an die Mitarbeiter denken, die in größeren Zentren immer weniger werden. Das veränderte Kaufverhalten der Südtiroler beobachte man mit Sorge, doch man könne niemandem vorschreiben, wo er einzukaufen habe. Im Verband mache man sich durchaus Gedenken. Eine Möglichkeit, Käufer zu binden, seien verschiedene Aktionen, zum Beispiel denkt man darüber nach, mit Markenprodukte zu punkten, die man zu günstigen Preisen anbietet. Die Ortskerne zu beleben, stößt urbanistisch auf Grenzen. [F] Eingeengt [/F] Verfügbare Flächen sind oft zu klein. Nicht lukrativ für Billiganbieter, die als Zugpferde dienen könnten. Ein großes Handikap ist die unzureichende Parkmöglichkeit. Die Kunden schleppen ihre Taschen nur ungern über längere Wegstrecken. Die Handelspolitik sollte grundsätzlich überdacht werden, sagt Gritsch. Zaghaft kommt einiges in Bewegung. In Bozen soll ein Einkaufszentrum größeren Stils entstehen. Auch mit dem "Herilu" in Latsch ist der Versuch unternommen worden, die Kaufkraft im Tal zu binden, abgesehen von den Ungereimtheiten bezüglich Genehmigung und Lizenz. Ob Angebot, Preis und Leistung in der vergleichsweise kleinen Struktur wie Herilu überzeugen können, muss sich erst noch weisen. [F] Zaghafte Versuche [/F] Die Ortskerne von Schlanders und Mals hätten beispielsweise gute Voraussetzungen, in größere Einkaufszentren umfunktioniert zu werden. Leer stehende Baukubatur ließe sich nutzen, unter anderem für Parkhäuser. Maßnahmen sind unumgänglich, um den Abfluss der Euros ins Ausland zu stoppen. Ein zu starres Festhalten am Prinzip Nahversorgung und das Verhindern von konkurenzfähigen Parallelstrukturen könnte zu einem Eigentor für alle Seiten werden, für Handelstreibene und Konsumenten. Die Familie W. schreibt indes die Einkaufsliste für die Adventzeit. Handelspolitik. Nahversorgung und dergleichen kümmert sie wenig. Was zählt, ist viel mehr, wie viel sie letztendlich unterm Strich ausgeben müssen. Und die Einkaufszentren im Norden kalkulieren bereits. Sie bereiten sich auf das große Weihnachtsgeschäft vor.
Magdalena Dietl Sapelza
Vinschger Sonderausgabe

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