Schade
Winterliche Stimmung in Martell

So oder so Geschichte geschrieben

Publiziert in 20 / 2013 - Erschienen am 29. Mai 2013
Die 19. wäre die schönste Etappe des 96. Giro d‘Italia geworden. Aber sie versank am 24. Mai im Schnee. Dennoch hat die größte Radfahrnation der Welt Martell, Schlanders und den Vinschgau ins Herz geschlossen. Vinschgau - Wenn die große Geschichte wegen höherer Gewalt aus den Fugen gerät, bleiben immer noch die kleinen Episoden. Das große Ganze fiel am Freitag, 24. Mai 2013 den Wetter­kapriolen zum Opfer. Seit 1969 und 1989 musste in der über 100-jährigen Giro-Geschichte zum 3. Mal eine Etappe gestrichen werden. Geblieben sind aber die Begegnungen und Geschichten davor und danach. Sie brachten die Menschen zusammen, um gemeinsam zu bedauern und sich gegenseitig zu trösten. Für Millionen von Anhängern des Radsports wäre die „mythische Bergetappe“ von Ponte di Legno über den ­Gavia-Pass, das Stilfserjoch nach Hintermartell der Höhepunkt der Italienrundfahrt gewesen. Für Hunderte von Martellern, Schlandersern, Vinschgern und anderen Südtirolern war es die Organisation dieser „Wahnsinnsetappe“. Man wollte Format zeigen und sich bewähren und man wollte für Mühen und Arbeit auf mittlere und längere Sicht belohnt werden. 30 Zentimeter Neuschnee, minus 10 Grad und stürmischer Wind auf der Cima Coppi, wie das Stilfserjoch unter Radfahrern heißt, und anhaltender Schneefall im Vinschgau ab 800 Höhenmetern ließen den Traum von der „Königsetappe“ platzen. 30 Vereine zwischen Schlanders und Hintermartell und die Logistikunternehmen im Zielgelände hatten vergebens Stände und Tribünen aufgebaut. In langen Kolonnen verließen Camper und Service-Abteilungen das Martelltal schon am Vormittag. Sportreferent Walter Theiner aus Latsch spielte Verkehrspolizist und verhinderte zum Schnee- ein Verkehrs­chaos. „Alles abgesagt“, musste er vor allem ausländischen Touristen zurufen. Der Kreisverkehr in Goldrain war zeitweise ein Kreisparkplatz. Der einzige, dem die Absage kaum berührte, war Fabio Guglielmo aus Caserta. Bei ihm trösteten sich viele mit dem Erwerb eines „Rosa-Trikots“, darunter auch Günther Heller, der mit Freunden extra aus Dresden angereist war. Die Straße ins Plimatal säumten geparkte und verschneite Autos. Zelte, die zusammenzubrechen drohten. Darunter frierende Tifosi, die am offenen Feuer Wärme suchten. Grauweiß verhangen und vollgestopft mit Übertragungsautos der RAI das Biathlonstadion auf Grogg. Nur der Giro-Teufel Didi Senft aus Brandenburg hüpfte für den ORF auf dem nassen Asphalt herum. Im VIP-Bereich „Casa Südtirol“, im Stall der Enzian-Alm, begann man Tische abzudecken und Blumenschmuck zu entfernen. Bürgermeister Georg Altstätter und die Mitglieder der Landesabteilung Tourismus mit Abteilungsleiter Hansi Felder verfolgten mit ernsten Mienen die Hintergründe der Absage am Bildschirm. Während sich Koch Ludwig „Lutl“ Platzer mit Gerstsupp‘ und Weißwurst um Entspannung bemühte, versuchten OK-Chef Matthias Tschenett, Vinschgau Marketing-Direktor Kurt Sagmeister, Tourismuspräsident Günther Pircher und andere Mitglieder eine Standortbestimmung. Je mehr man sich gegenseitig aufmunterte und unter anderem die ausgebuchten Häuser zwischen Nauders und Leifers erwähnte, wurde die Bilanz immer positiver. „Wir waren ‚pronto‘, die Straße war immer schneefrei“, meinte Bürgermeister Altstätter. „Trotz allem, bin ich so voller Bewunderung und Dankbarkeit gegenüber unseren freiwilligen Helfern“, fügte er hinzu. Hoffnung für ein nächstes Mal „Ihr habt die Kernwerte der Südtirol Marke hoch gehalten“, bestärkte Abteilungsleiter ­Felder und verbreitete Hoffnung. „Ihr habt eine glaubwürdige und authentische Veranstaltung organisiert. Das ist die beste Voraussetzung, dass wieder eine Etappe an Martell vergeben wird.“ Während man den Rückzug aus Hintermartell antrat, wurde die Grogg-Alm regelrecht gestürmt. Journalisten und Techniker, ­Fahrer und die „frei gewordenen“ Marteller Helfer drängten in die Räume. Statt Presseberichte zu verteilen standen Christine Tappeiner, Martin Stricker und Leander Regensburger in der Küche, teilten warme Suppe aus und verbreiteten gute Laune. Der große Wurf gelang ihnen mit Erdbeerpunch und heißem Apfelsaft. Immerhin erwähnte Giro-Moderatorin Alessandra De Stefano aus Neapel in der Life-Sendung „Processo al Giro“, dass nur die „bravi ragazzi della Val Venosta“ ihr die Arbeit ermöglicht hätten. Allerdings war die Sendung vom ersten Dopingfall des Giro 2013 überschattet. Der Schatten des Wiederholungstäters Danilo Di Luca ließ sich auch bei der anschließenden Pressekonferenz mit Giro-Manager Michele Acquarone und Sportdirektor Mauro Vegni nicht ausblenden. Beide bedauerten sehr, dass „questa bellissima vallata, che sei chilometri piú su é ancora piú bella“ nicht zur Krönung eines Giro beitragen durfte, der zum ersten Mal durch die Persönlichkeit des führenden Vincenzo Nibali wieder die Herzen der Italiener erreicht habe. Schlanders auf der Sonnenseite Beim Start der 20. Etappe in Schlanders verlief alles bestens. Geschätzte 7.000 Zuschauer säumten die Straßen und ­Plätze, um hautnah mitzuerleben, wie die 171 Rennradfahrer in die Pedale traten. Die besondere Aufmerksamkeit galt dem ­Sizilianer Vincenzo Nibali, der am Tag nachher in Brescia zum Gesamtsieger des Giro gekürt wurde. Auf das Geschehen rund um den Start hatten sich Einheimische und Fans bereits am Freitag auf der gelungenen Giro-Party in der Fußgängerzone eingestimmt. Während der Ausfall der 19. Etappe leider dazu führte, dass nicht nur Stilfs, Prad, Laas und vor allem Martell auf der Strecke blieben, war am Samstag nicht nur das Wetter gut, sondern auch die allgemeine Stimmung. Etwas störend und wohl auch gefährlich waren zum Giro-Tross gehörende Autos, die nicht gerade langsam durch die Fuzo in Schlanders und durch Latsch und Naturns fuhren. „Dass Martell 2014 oder 2015 erneut als Etappenziel gewählt wird, sehen die Organisatoren als eine moralische Verpflichtung an,“ sagte der Schlanderser Bürgermeister Dieter Pinggera. Er gab sich auch zuversichtlich dafür, dass ein Teil der Beiträge für den Giro zurückfließen: „Im Vertrag ist vorgesehen, dass dies möglich ist, falls eine Etappe wegen höherer Gewalt ausfällt.“ Die Vertragssumme beläuft sich auf 150.000 Euro. Insgesamt wurden für den Giro im Vinschgau ca. 250.000 Euro ausgegeben. Die Zahl der Nächtigungen, die infolge des Etappenausfalls storniert wurden, hält sich angeblich in Grenzen. „Martell kommt wieder zum Zug“ „Ich habe den Martellern als zuständiger Sportlandesrat versprochen, dass ich mich ­bemühen werde, dass das nächste Mal wieder Martell beim Giro d’Italia zum Zug kommt“, sagte LH Luis Durnwalder am Montag. So sei man bereits einmal mit dem ­Etappenziel Kronplatz verfahren, wo es einen Ausfall gegeben hatte. Noch offen sei, was mit den ursprünglich geplanten Beiträgen geschieht, die an verschiedene Marteller Vereine hätten gehen sollen. „Die Beiträge können nur für erb­rachte Leistungen ausgezahlt werden“, so Durnwalder. Die zuständigen Ämter werden nun erheben, was anerkannt werden kann und was nicht. Günther Schöpf/sepp
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

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