Was laut dem ökologisch-limnologischen Berater Vito Adami gesund im See schwimmt und was nicht, hat er dem „Vinschger“ erklärt.

Publiziert in 23 / 2009 - Erschienen am 17. Juni 2009
„Der Vinschger“: Herr Adami, wie ging und geht es dem Haidersee gesundheitlich? Vito Adami: In den Haidersee wurden direkt und über die Etsch bis etwa zur Mitte der 80-iger Jahre ungeklärte Abwässer abgeleitet, welche den Nährstoffgehalt und allgemein den „Gesundheitszustand“ des Sees beeinträchtigten. Eine zusätzliche Belastung entsprach den Intensivwiesen im unmittelbaren Gewässerumland, weil dort vielfach organische Dungmittel auf Schnee und Eis ausgebracht wurden. Mitte der 70-iger Jahre war der Haidersee trotz des regen Wasseraustausches durch das Pumpenwerk ein nährstoffbelasteter („überdüngter“) Wasserkörper. In der Zeitspanne von 1984 bis 1998 konnte folgende limnologische Entwicklung festgestellt werden: Der Rückgang des Gehalts an Phosphor (das wichtigste „Dungmittel“), die Abnahme von Chlorophyll a (ein Hinweis auf eine geringere Algenproduktion), ein Rückgang der Wasserpflanzen. Es gibt vor allem Renken, aber auch Hechte, Seeforellen und Barsche. Warum sind Renken so zahlreich? Vito Adami: Der See beherbergt einen für diese Höhenlage besonders artenreichen Fischbestand. In den meisten ähnlichen Seen in Südtirol spielen Salmoniden (Forellen, Saiblinge) die Hauptrolle, vielfach begleitet durch die Elritze (Pfrille) und lokal durch die Mühlkoppe (Tolm). Das breite Spektrum der Fische wurde mit Sicherheit im Laufe des 20. Jahrhunderts durch teils absichtliche, teils unabsichtliche Besatzmaßnahmen ergänzt. Im Jahre 1871 berichtet ­HELLER, C. (Die Fische Tirols und Vorarlbergs. Z. Ferdinandeum, Wagnersche Universitäts-Buchdruckerei, Innsbr.) über einen reichlichen Fischbestand des Haidersees, wobei offensichtlich nur die für die Fisch­erei interessanten Arten angegeben wurden: Im „Heidersee“ kamen „Coregonus Wartmanni, Thymallus vulgaris, Salmo salvelinus und Trutta lacustris“ vor (Renke, Äsche, Seesaibling und Seeforelle). Hierbei muss berücksichtigt werden, dass die „kapitalen“ Forellen der ­größeren Seen damals oft als Seeforellen bezeichnet wurden. Für den gleichen Autor war die Marmorierte Forelle jedoch die einzige im Etschgebiet (Etsch und Zuflüsse) vorkommende Forelle. Dadurch lässt sich vermuten, dass die im 19. Jahrhundert im Haidersee vorkommenden Forellen Marmorierte Forellen oder Bachforellen waren. Inzwischen sind im Haidersee auch der Barsch, die typische Seeforelle (eine Unterart der Bachforelle, aus Seen der nördlichen Abdachung der Alpen), die Bach- und die Regenbogenforelle, der Zander, der See- und der Bachsaibling beheimatet. Die häufigsten Fischarten des Haidersees sind seit vielen Jahrzehnten die Renke, der Hecht und das Rotauge. Was sind die Eigenarten dieser Renke? Vito Adami: Die Renke gehört zu einer Familie (Coregonidae) und Gattung (Coregonus), die sehr artenreich sind. Die nicht immer einfache Bestimmung der Renkenarten erfolgt anhand der Untersuchung der Kiemenreuse (eine Serie von Dornen, die an den Kiemenbögen hängen und durch welche die Kleinkrebse des Planktons aus dem Wasser herausgefiltert werden) und teilweise des Verhaltens (Fortpflanzungsform, bevorzugte Lebensräume usw.) dieser Fische. Ursprünglich waren die Renken in den größeren Tieflandseen der Schweiz beheimatet, wurden aber bereits im Mittelalter in andere Seen eingebürgert, weil ihre Relevanz als Speisefische hoch war. Die im Haidersee vorkommende Renkenart ist die große Schwebrenke (Coregonus lavaretus-Formenkreis). Diese Renke ernährt sich nicht nur von Plankton, sondern auch von Insektenlarven und von Bachflohkrebsen, sowie von anderen kleinen Tieren des Seegrundes (kleine Erbsen­muscheln, Schlammwürmer). Aus diesem Grund spielt sie für die Angler eine interessante Rolle, weil sie mit kleinen Kunstködern, welche die genannten Beutetiere nachmachen, gefangen werden kann. Die Restwassermenge des Sees wird für Elektrizitätsgewinnung genutzt. Was bedeutet das konkret? Vito Adami: Die Restwassermenge wird nicht aus dem Reschensee, sondern aus der Schleuse des Haidersees in die darunter liegende Etschstrecke abgegeben. Die kurze Etschstrecke zwischen dem Reschen- und dem Haidersee wird lediglich durch den Kaschonbach, einen kleinen Zufluss mit nur knapp 2 km2 des Einzugsgebietes so wie durch die Drainagen des Dammkörpers des Reschensees gespeist. Positiv ist die Tatsache, dass seit rund zehn Jahren die Wasserfassung am Kaschonbach nicht mehr betrieben wird. Sie erarbeiteten mit Dr. ­Kusstatscher eine Studie über den See. Ziel der Studie war es, die nachhaltige Bewirt­schaftung des Sees zu verwirklichen. Das Ergebnis? Vito Adami: Meine Aufgabe betraf vor allem die zusammenfassende Behandlung der jahrzehntelangen limnologischen Erhebungen durch das Biologische Labor, die direkte Untersuchung des Fischbestandes sowie der Bewirtschaftung desselben. Die Erhebungen des Fischbestandes wurden mit Netzen und Reusen sowie anhand der Proben durchgeführt, welche die Fischer zur Verfügung stellten. Dadurch konnten der Fortpflanzungserfolg und die Zuwachsraten der Hauptfischarten sowie fundierte Empfehlungen für die Fischereibewirtschaftung ermittelt bzw. erarbeitet werden. Wie wird der Fischbestand erhalten? Vito Adami: Unter den im Haidersee häufig vorkommenden Fischarten pflanzen sich die meisten erfolgreich fort. Eine geringe Vermehrung betrifft die typischen Fischarten, welche sich in Fließgewässern fortpflanzen - so z.B. die Seeforelle, die Bachforelle, die Regenbogenforelle - während die natürliche Fortpflanzung der häufigsten Fischarten, Renke, Hecht und Rotauge in keiner Form beeinträchtigt ist. Ein deutlicher Rückgang mancher Arten - z.B. Rotfeder, Rotauge - ist nicht auf einen Fortpflanzungsmangel zurückzuführen, sondern primär auf die an sich erfreuliche Tatsache, dass der See „sauberer“, daher etwas weniger produktiv geworden ist, sekundär auf den Druck von Seiten der fischfressenden Vögel. Durch die bessere ­Wasserqualität spürt der See wieder seinen Gebirgssee-Charakter, welcher in der Vergangenheit durch die starke Nährstoffzufuhr weitgehend „getarnt“ wurde. Ein wichtiges Ergebnis der Studie, welche damals durch den Einsatz des Fischervereins Haiderseefreude, der Fischereirechtsbesitzer und der Gemeinde in Form eines LEADER-Projektes ermöglicht wurde, war, dass die Beibehaltung eines hohen Niveaus der Fischerei im Haidersee (Anzahl und Qualität der Fänge) so gut wie keiner Besatzmaßnahmen bedarf, da der Fortpflanzungserfolg der meisten Fischarten gegeben war. Die einzige relevante Ausnahme war diejenige der Seeforelle, deren Fortpflanzung (in der Etsch zwischen dem Haider- und dem darüber liegenden Reschensee) eher gering war. Die Fischereibewirtschaftung des Sees übernahm teilweise die Empfehlungen der Studie – man verzichtete z.B. auf einen vollkommen unnötigen Renkenbesatz – setzte jedoch weitere unbegründete und potenziell gefährliche Formen des Fischbesatzes fort, insbesondere bezüglich des Hechtes. Somit wurden über mehrere Jahre Hechte aus Deutschland importiert und eingesetzt. Die teuere Maß­nahme brachte ­keine Verbesserung der Erträge, welche eindeutig auf die Seeentwicklung (Verbesserung der Wassergüte) und nicht auf die Genetik zurückzuführen war. Die Vermutung liegt hingegen, laut eines Gutachtens des Tierarztinstitutes der Universität Bologna, sehr nahe, dass gerade mit den Besatzhechten diejenigen Parasiten importiert wurden (Fischbandwürmer), welche ihren Lebenszyklus zwischen Renke und Hecht führen (jeweils Zwischen- und Hauptwirt) und aktuell einen Großteil der Renken und der Hechte des Haidersees befallen. (Der Einkauf der Hechte ist von den Bewirtschaftern unter Anwendung sämtlicher amtlicher Vorschriften getätigt worden; Anmerkung der Redaktion) Es tummeln sich Blässhühner, Möwen, Enten und Haubentaucher. Kaum zur Freude der Fischer. Vito Adami: Es ist anzu­nehmen, dass die „obere Grenze“ des Haubentaucherbestandes am Haidersee (ca. 30-40 Brutpaare) seit mehreren Jahren erreicht wurde, während die Wirkung anderer Vögel, die keine spezialisierte Fischfresser sind, kaum ins Gewicht fällt. Die Haubentaucher tragen ­sicherlich zur Bestandsabnahme der Rotaugen bei, welche ihrerseits der Hauptnahrung des Hechtes entsprechen. Das Problem kann aktuell nicht gelöst werden, da die Haubentaucher vollkommen geschützt sind. Dieser effektive Störfaktor, welcher jedoch die Fischerei am Haidersee grundsätzlich nicht gefährdet, sollte meiner Meinung nach akzeptiert werden.
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
Vinschger Sonderausgabe

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