Schreib dir’s von der Seele
Onlineberatung der Telefonseelsorge
Links im Bild Anita Kröss, die Koordinatorin der Onlineberatung,rechts Silvia Moser, die Leiterin der Telefonseelsorge

Wenn der Mut zum Reden fehlt …

… kann man seine Ängste und Sorgen auch schriftlich mitteilen.

Publiziert in 12 / 2019 - Erschienen am 2. April 2019

Vinschgau - Wie soll ich das am Telefon sagen? Und wenn mir die Stimme versagt? Wie finde ich die richtigen Worte? Wer das Bedürfnis hat, sich in einer Notsituation mitzuteilen und seine Ängste auszu-
drücken, kann seit Ende November nicht nur telefonisch rund um die Uhr und jeden Tag bei der Telefonseelsorge der Caritas unter der grünen Nummer 840 000 481 anrufen, sondern sich auch online melden, ebenfalls rund um die Uhr und täglich. Wie Silvia Moser aus Stilfs, die langjährige Leiterin der Telefonseelsorge, bestätigt, findet die Online-Beratung immer mehr Zuspruch: „Viele Menschen tun sich leichter, ihre Ängste, Sorgen und Hilferufe am Computer niederzuschreiben, als sie am Telefon mitzuteilen.“ Ganz in diesem Sinn wurde für die neue Online-Beratung auch das Motto „Schreib dir’s von der Seele“ gewählt. 

Fundierte Zusatzausbildung
Eingeführt wurde die Onlineberatung am 28. November 2018, auf den Tag genau 16 Jahre nach der Eröffnung der Telefonseelsorge. Für das Zusatzangebot war viel Vorarbeit notwendig. Einer der Schwerpunkte war dabei die Zusatzausbildung. Vom derzeit insgesamt 75-köpfigen, ehrenamtlich tätigen Berater-Team haben sich 15 Personen eigens als Onlineberater/innen ausbilden lassen. Hierfür hatte sich die Telefonseelsorge (TS) an die TS-Stellen in Innsbruck und Vorarlberg gewandt, wo schon seit Jahren eine Online-Beratung angeboten wird. „Es ist etwas Anderes, ob ich einem Anrufenden am Telefon zuhöre und mit ihm rede, oder ob ich eine Anfrage schriftlich beantworte“, ist Silvia Moser überzeugt. Bei der insgesamt 45 Stunden umfassenden Ausbildung, die von Anita Kröss koordiniert und in Begleitung der Fachleute Burgi Stemberger (TS Innsbruck) und Gerhard Hintenberger (Online-Beratungsexperte und Ausbildner für die TS-Onlineberatung in Österreich) absolviert wurde, ging es u.a. um Kompetenz im Schreiben, um die Einführung in das kreative Schreiben und um das Kennenlernen der Besonderheiten und Standards in der Onlineberatung.

Wie funktioniert die Onlineberatung?
Bei der Onlineberatung haben Hilfesuchende die Möglichkeit, sich via Smartphone, Computer oder Tablet über ein sicheres Internet-Portal
(telefonseelsorge-online.bz.it) nach Erstellung eines passwortgeschützten
Accounts an die Telefonseelsorge zu wenden. Hierfür reichen Benutzername und Passwort. Die Hilfesuchenden erhalten dann innerhalb von spätestens 48 Stunden eine erste Antwort von einem Mitglied des ausgebildeten TS-Onlineberatungs-Teams. Aus dem ersten Schriftverkehr kann sich dann auch ein Beratungszyklus ergeben, wobei die Person, die Rat sucht, stets von derselben Beraterin bzw. demselben Berater begleitet wird. Einen der Vorteile der Onlineberatung sieht Silvia Moser auch darin, dass sich die Hilfesuchenden nach dem Versenden der ersten Nachricht in einer Art Erwartungshaltung befinden: „Schon allein dieser Umstand kann hilfreich sein.“ Außerdem tue es allgemein gut, „wenn jemand seine Anliegen verschriftlicht, denn es steckt so etwas wie eine Befreiung dahinter.“

Absolute Verschwiegenheit
Wie schon bei der telefonischen Begleitung gelten auch für die Onlineberatung einige feste Grundsätze. Dazu gehören vor allem die absolute Verschwiegenheit, die beidseitige Anonymität, keine Begrenzung auf spezifische Beratungsthemen, eine weltanschauliche Offenheit sowie die Begleitung durch erfahrene, speziell ausgebildete und in ihrer Tätigkeit supervidierte freiwillige Mitarbeiter/innen der TS. Das Mitarbeiter-Team ist sich der großen Verantwortung bewusst, die die Onlineberatung mit sich bringt. „Einmal geschrieben ist geschrieben. Schriftliche Antworten erfordern daher viel Fingerspitzengefühl und großes Einfühlungsvermögen“, so die Leiterin der Telefonseelsorge.

Spiegelbild der Nöte
Ebenso wie die telefonische Beratung spiegelt auch die Onlineberatung jene Ängste, Nöte und Sorgen wider, unter denen viele Menschen in Südtirol leiden. So werden zum Großteil sehr belastendende Lebenssituationen in Worte gefasst. „Die Menschen äußern zum Beispiel Suizidgedanken, sprechen über Gewalt und Missbrauch, über sexuelle Probleme, über Einsamkeit und Verzweiflung“, fasst Silvia Moser die Erfahrungen der ersten Monate zusammen. Es komme auch vor, dass Menschen über ihre abgrundtiefe Verzweiflung schreiben, über Suchtprobleme, gescheiterte oder belastende Beziehungen, psychische Erkrankungen „und immer öfter auch über Burn-out.“ Auch Homosexualität und andere schambesetze Themen, die immer noch stark tabubehaftet sind und über die man mündlich nur ungern redet, werden in schriftlicher Form leichter ausgedrückt. Silvia Moser: „Dank der Onlineberatung können bestimmte Hemmschwellen, wie sie bei der Telefonberatung auftreten können, überwunden werden.“ Hand in Hand mit dem Angebot der Onlineberatung können somit auch Personen erreicht werden, die sich telefonisch kaum melden würden. Was die ersten Monate noch gezeigt haben, ist der Umstand, dass sich tendenziell eher jüngere Menschen an die Onlineberatung wenden, die naturgemäß über eine gute Computer- und Schreibkompetenz und damit vermutlich über einen mittleren bis höheren Bildungsgrad verfügen dürften.

Weitere Schritte geplant
Um die Bevölkerung verstärkt auf das Angebot der Onlineberatung hinzuweisen, hat die Telefonseelsorge bereits weitere Schritte für heuer und das nächste Jahr geplant. So sollen etwa Maßnahmen gesetzt werden, um die breite Bevölkerung für diese neue und sehr niedrigschwellige Form der schriftlichen Kontaktstelle im Falle von Krisen und Belastungssituationen bis hin zu Trauma und Suizidgedanken zu sensibilisieren. Weiterhin mit einbringen will sich die Telefonseelsorge auch im Rahmen der Mitarbeit im „Netzwerk Suizidprävention“. Schon von Anfang an mitgetragen werden die Dienste der Telefonseelsorge und natürlich auch die Onlineberatung von der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft: „Menschen in Not wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, mit wem sie sprechen können, wem sich anvertrauen. Dafür gibt es die TS-Onlineberatung. Anonym und ohne Scheu und Angst können die Menschen das aufschreiben, was sie belastet, und in Kontakt mit einfühlsamen Beratern treten. Das gibt Zuversicht in einer schwierigen Situation und hilft, dass Verzweifelte wieder Hoffnung schöpfen können“, hatte Greti Demetz, die stellvertretende Zentralratsvorsitzende der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft, bei der Präsentation der Onlineberatung erklärt. 

Info - Telefonseelsorge

Onlineberatung: telefonseelsorge-online.bz.it
Grüne Nummer der telefonischen Anlaufstelle 840 000 481 (rund um die Uhr erreichbar)
39100 Bozen - Sparkassenstraße 1
Tel. Büro 0471 304 360
ts@caritas.bz.it
www.caritas.bz.it

Josef Laner
Josef Laner
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