Die Wüste lebt
So wie heuer soll sich der Reschenstausee in Zukunft nie mehr zeigen.

Zum letzten Mal durch den Etschkanal

Publiziert in 16 / 2010 - Erschienen am 28. April 2010
Graun – Der Belag der alten Straße, die vor der Seestauung von St. Valentin nach Graun und Reschen führte, ragt gut erkenntlich aus dem Schlamm. Von den ­Stockerhöfen in St. Valentin sind Steine der Grundmauern zu sehen, unterhalb des versunkenen Gorf-Hofes in Graun Überreste der Bootsanlegestelle, in Piz Ufergehölz des einstigen Natursees am Reschen, auf der gegenüberliegenden Seite abgesägte Holzpfähle, auf denen einst das Bootshaus in Reschen stand, weiter westlich Mauerteile des ehemaligen Freibades, das zum Seehotel Reschen gehörte, und ein paar 100 Meter weiter letzte Spuren der Badeanstalt des Hotels Wenter. Es ist die Schlamm- und Sandwüste im derzeit fast leeren Reschenstausee, der die Spuren der „Vergewaltigung“ der Dörfer Graun und Reschen und teilweise auch von St. Valentin auf der Haide frei legt und vor allem älteren Bürgern das Nass in die Augen treibt. Vom so genannten Etschkanal aus, den der Grauner Bürgermeister Albrecht Plangger und der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Reschen, Hubert Schöpf, am 21. April zum ersten und wohl auch zum ­letzten Mal im Feuerwehrboot durchquerten, sind die Überreste von Alt-Graun und Alt-Reschen besonders gut zu sehen. 1950 wurden die Gebäude gesprengt und überflutet, 163 Häuser wurden zerstört, 523 ha an fruchtbarem Kulturboden versanken im Wasser, 70 Prozent der Bevölkerung wanderten aus oder ab. Der Etschkanal wurde in den Jahren nach der Seestauung mit einem Wasserbagger, der im Volksmund Draga hieß, ausgebaggert. Die Absicht war laut Albrecht Plangger klar: „Man wollte auch das Wasser des ursprünglichen Reschensees, der 3 Meter ­höher lag als der Graunersee, auch Mittersee genannt, ab­leiten und für die Stromerzeugung nutzen.“ Die Aushebung dieses Kanals führte dazu, dass ca. 3,3 Millionen Liter Wasser vom Reschensee (1478 m) zum Mittersee (1475 m) flossen. Im Bereich des Etschkanals schlängelte sich früher die Etsch in Mäandern in Richtung Graun und St. Valentin, umgeben von Hochmooren und einmaliger Natur- und Kulturlandschaft. Den Anblick einer Mondlandschaft bietet der Stausee heuer Gott sei Dank für lange Zeit zum wohl letzten Mal. Auch der Etschkanal wird in Zukunft nicht mehr zu sehen bzw. zu befahren sein. „Eine Absenkung des Sees war heuer notwendig, um die so genannte Galerie, nämlich die Leitung, die das Wasser bis zum Druck­stollen nach Muntetschinig führt, zu sanieren“, so Albrecht Plangger. Die 60 Jahre alte Leitung war an mehreren Stellen undicht, sodass es auch zu Wasseraustritten kam, etwa in St. Valentin. Zumal Hand in Hand mit der Sanierung auch Absperr-Vorrichtungen eingebaut werden, „muss der See bei künftigen Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten nicht mehr entleert werden.“ Auch am Damm und an weiteren Infrastrukturen führt die SELEDISON AG Arbeiten durch. Mitte Jänner 2010 wurde mit dem Bau eines Zugangs von einem Entlastungsstollen zur Ableitungs-Galerie begonnen (im Bild oben der neue Zugang). Am 17. April erfolgte der Durchstich. Seither wird wieder gestaut, vorerst aber nur mit dem Karlin- und Rojenbachwasser, also ohne das Wasser aus Matsch, ­Planeil und Schlinig. Derzeit wird die Galerie saniert, speziell im Dorfbereich von St. Valentin. Die Arbeiten werden bis zu 2 Monate dauern. In Zukunft können Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, ohne den Reschenstausee „auf Null“ zu setzen. Auch schweres Arbeitsgerät kann eingesetzt werden. Bisher hat man mit Schubkarren gearbeitet. Seit 2003 ist die Stauhöhe im Gegensatz zu früher übrigens um 3,5 Meter tiefer. Die jüngsten Untersuchungen haben laut Plangger gezeigt, dass auch die Sanierungsarbeiten am Damm in einer Arbeitsmethode ausgeführt werden können, ohne den See absenken zu müssen. Ursprünglich war befürchtet worden, dass der See 2 Jahre­ leer bleiben könnte. Der ­SELEDISON bescheinigt der Bürgermeister, in diesem Fall recht kooperativ gewesen zu sein. Froh ist der „Abi“, dass für die Arbeiten, die unmittelbar mit dem Stausee-Betrieb zusammenhängen, nicht Geldmittel aus dem Umweltplan eingesetzt werden: „Dies haben wir zusammen mit den anderen Ufergemeinden Gott sei Dank verhindern können.“ Die Geldmittel, die der Gemeinde Graun aus dem Umweltplan zustehen - es handelt sich um ca. 400.000 Euro im Jahr - verwendet die Gemeinde derzeit für Umweltmaßnahmen am Stausee. An gleich mehreren Baustellen wird gearbeitet. Im Mündungsbereich des Karlin­baches, der aus Langtaufers kommt, hat die Gemeinde Arbeiten zur Ufergestaltung in Auftrag gegeben. Auch eine Fischtreppe ist vorgesehen sowie ein Rückhaltebecken für Schottermaterial, das jährlich ausgebaggert wird. Weiters wird eine Fläche von ca. 1 ha zusätzlich aufgeschüttet und bepflanzt. Weil der Wasserspiegel heuer so niedrig ist, war die SELEDISON bereit, der Gemeinde die für 2011 vorgesehenen Umweltplan-Geldmittel für die Aus­führung der genannten Arbeiten vorzuschießen. Zu den weiteren Arbeiten gehören die Sicherung der seeseitigen Stützmauern von Staatsstraße und Gehweg bei Arlund, Vorbereitungsarbeiten für das Hafengelände Reschen (Seestrand) sowie Fertigstellung der Arbeiten im Bereich Parkplatz Piz/Schöneben. Dort werden die Böschungen abgeflacht, um Erosionsschäden vorzubeugen. Diese Arbeiten konnten im Vorjahr aufgrund des zu hohen Wasserstandes nicht durchgeführt werden. Im Kleid einer Wüste, in dem er sich derzeit den Einheimischen und Gästen präsentiert, war der Stausee schon lange nicht mehr zu sehen, genauer gesagt seit 1999. In jenem Jahr hatte Unterstaatssekretär Carpi auf Ersuchen von Albrecht Plangger den Edison-Chef persönlich überzeugen können, immer etwas Wasser im See zu belassen. Größere Staubschäden, wie es sie in den Jahren zuvor gegeben hatte, blieben (mit Ausnahme von heuer) seither aus...und soll es nach der Fertigstellung der derzeit laufenden Arbeiten auch in Zukunft nicht mehr geben.
Josef Laner
Josef Laner

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